Freiraum


Freiraum Bonn. Das soll so etwas wie eine moderne oder gewissermaßen alternative Kirchengemeinde sein. Ich dachte, dort gibt es etwas Neues zu hören! Nicht den alten eingestaubten Quatsch, der in den herkömmlichen und meist ebenso eingestaubten Kirchen zu hören ist, sondern moderne Ansätze, den christlichen Glauben mit der aufgeklärten Gesellschaft in Einklang zu bringen. Die Menschen, die sich vor dem Veranstaltungssaal mit Croissants und esoterischen Eisteegetränken vergnügten, sahen jedenfalls jung und hoch-, wenn nicht sogar eingebildet aus. Die meisten waren wohl Studenten und junge Pärchen mit vereinzelten Kindern, also Einzelkinder oder jedenfalls nur wenige überhaupt mit Kindern. Vor den noch verschlossenen Türen zum Saal standen hip angezogene Männer mit Funkmikros im Gesicht. Es sah er nach Gruppengymnastik oder billiger Dreisternehotelmittagspausenanimation aus als nach christlicher Religionsausübung. Was dann folgte übertraf dann meine Erwartung: die Phrasen überboten jene aus den eingestaubten Kirchen bei Weitem an Hohlheit, die flott dargebotene Musik bewegte die Gekommenen zum Mitklatschen, aufgelockert durch gelegentliches Theatralisch-flehend-die-Arme-nach-oben-Strecken, zu mehr Aktion geschweige denn Gruppengymnastik jedoch nicht (obwohl sich die sogenannten Pastoren vorn redlich um Schwung bemühten), und bei jeder noch so schlechten Urlaubsanimation hätte ich sinnvollere Dinge erfahren als bei dieser kollektiven Götzenanbetung. Nun verhält es sich – wie in den „normalen“ Kirchen auch – bei derartigen Sitzungen aber so: Leere Menschen, die mit der Erwartung, dass irgendetwas sie befüllt, lauschen einem rhetorisch einigermaßen fähigen Menschen bei seinen schwammigen Ausführungen über das Leben. Da ist dann von Abspringen und Loslassen die Rede, von langweiligem Reihenhausdasein, dem es zu entfliehen gilt, von verpassten Chancen, Mut und „Dabei-ist-alles-doch-so-einfach!“. Der junge Pastor glaubt, zu wissen, wie man sein persönliches Glück erfahren kann, natürlich, Theologiestudiumabsolventen sind ja hinlänglich als Lebensexperten mit unermässlichem Erfahrungspool bekannt, oder? Und ich traue meinen Ohren kaum, was will er sagen? Es sei ja ganz verlockend, so ein selbstbestimmtes Leben, bei dem man selbst herausfindet, was man will und was einen glücklich macht, aber – hört mal zu! – Ihr müsst euer eigenes Leben aufgeben, um es ganz Gott zu überlassen! Ihr werdet sehen, was Gott alles mit uns machen kann! Also ich weiß ja nicht, was angehende Pastoren in der Uni lernen, aber offensichtlich das Gegenteil von dem, was jeder halbwegs denkende Mensch in der Schule lernt! Während mir jahrelang mit Recht eingebläut wurde, mein Gehirn für kritisches Hinterfragen und ständiges Evaluieren zu benutzen, will dieser Lackaffe heute allen Ernstes die Message verbreiten, die Gläubigen sollen ihr Gehirn lieber ausschalten, die Verantwortung für ihr Leben an ein Gedankenkonstrukt abgeben, dessen Realität so bewiesen ist wie die Scheibenform der Erde, und alles was sie tun müssen ist „Jesus, Yeah!“ rufen!? Krass! Mir ist sehr wohl bewusst, dass meine Darstellung hier übertrieben und in manchen Punkten auch nicht ganz richtig ist (dass sie nur „Jesus, Yeah!“ rufen müssen, stimmt ja nicht ganz), aber ich kann mich einem flauen Gefühl in der Magengegend angesichts solcher Polemik und Phrasendrescherei nicht erwehren. Das ist gefährlich, das war schon immer so und daran wird sich auch nichts ändern! Ein Aufruf zum blinden Folgen einer Ideologie war in der Geschichte nie gut, aber erstaunlicher Weise in der Religion schon seit vielen Jahrhunderten äußerst erfolgreich. Jetzt wird mir bewusst, warum Voltaire immer umziehen musste, als er konstatierte, die Kirche habe die Menschheit über Jahrhunderte vergiftet. Paradoxer Weise benutzen jene Volksverhetzer, die sich unter dem Deckmantel der seit Jahrtausenden etablierten Religion mit ihren Dogmen auf Kanzeln stellen, die Aufforderung „Öffnet eure Augen!“, obwohl es genau das ist, was ich verzweifelt den leeren Hülsenmenschen zurufen möchte, die mit gebanntem Blick und weit offenen Ohren diesen Schwachsinn in sich hineinsaugen und die ich vermutlich niemals erreichen würde. Ich werde es auch nicht probieren. Noch nicht.

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