Ein Semester in Südkorea           


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01.09.2006

Abends findet eine weitere Probe für die Recording-Session statt. Es ist zwar recht mühselig, eine ganze Stunde lang immer den gleichen Song zu spielen, aber gutes Zusammenspiel will geprobt sein und es wird tatsächlich mit der Zeit immer besser. Sobald der Komponist einmal für ein Telefonat oder eine Zigarette den Raum verlässt, jammen wir was das Zeug hält und haben mächtig Spaß. Wenn ich solche Musiker nur mal in Deutschland treffen würde… Danach treffe ich Ho-Young. Wir schauen uns den Film „Big fish“ an (ein wundervoller Film!) und sie geht nicht nach Hause… [▲]

02.09.2006

Ich schlafe wieder lange. schaue kurz im Labor vorbei und gehe dann mit Ho-Young im Uni-Schwimmbad schwimmen. Durch einen Fehler der Ticketverkäuferin bekomme ich ein Monatsticket für "Schwimmen ohne Unterricht täglich irgendwann zwischen 6 Uhr und 10:30 Uhr", obwohl es eigentlich schon ausverkauft ist. Sie will es mir dann aber auch nicht mehr wegnehmen. Anschließend fahren Ho-Young und ich zum Namsan und auf den Seoul Tower, wo wir die schöne Aussicht genießen, ganz im koreanischen Stil Pärchenbilder von uns machen und einen sehr romantischen Abend verbringen! Ho-Young ist anschließend so müde, dass sie kaum laufen kann, ich muss sie fast zur U-Bahnstation und nach Hause tragen. Daher schläft heute wieder jeder in „seinem“ Zuhause. [▲]

03.09.2006

Um 9 Uhr treffe ich mich mit Ankyo (Laborkollegin) vor dem Eingang zum Gwanaksan Nationalpark zum Hiking. Un-Sa wollte auch mit, verschläft aber. Zunächst freue ich mich, dass ich nun mit Ankyo allein rumlaufen kann, da ich die Hoffnung habe, dass ich einen guten Draht zu ihr aufbauen kann, zumal ich sie sehr sympathisch finde (oder doch nur hübsch?). Allerdings stelle ich sehr bald fest, dass wir völlig unterschiedliche Wellenlängen haben. Wir finden einfach keinen gemeinsamen Nenner. Sie redet NUR (ausschließlich) von Uni und Labor, hat überhaupt keine anderen Interessen oder Hobbys. Während wir so auf einem Stein sitzen und über Unsa reden, kommt ein Bekannter von ihr vorbei, woraufhin wir praktisch gar nicht mehr miteinander reden, weil sie lieber mit ihm Koreanisch redet. Wir laufen zu dritt zurück, ich beobachte aufmerksam die interessante Natur (besonders die furchterregenden gelbschwarz gestreiften Spinnen sind eine genauere Observierung wert) und versuche, mich nicht darüber zu ärgern, dass Ankyo und ihr Bekannter einfach weiterlaufen, ohne mein Zurückbleiben zu bemerken. Als ich sie am Ausgang des Gebirges wieder einhole, kommt es doch noch zu einem kurzen Gespräch mit Ankyo, die mir mitteilt, dass sie und ihre Laborkollegen mich für faul halten und sie meinen, dass ich mehr Arbeiten sollte, vor allem Literatur lesen und recherchieren. Vielleicht hat sie Recht, aber ich bin nicht nur zum Arbeiten hier und im Gegensatz zu ihr und den anderen Kollegen HABE ich auch andere Interessen und Hobbys. Ihr das zu erklären, wäre allerdings zu mühselig und sie würde es sicher nicht verstehen. Ihr Bekannter gibt uns noch ein erfrischendes Eis aus, das nach dem langen Marsch von immerhin drei Stunden gut tut. Nachmittags bringe ich Ho-Young selbstgemachte Sandwich in die Uni, wir setzen uns auf eine Wiese auf dem Campus und genießen herrlichstes Sommerwetter. Am frühen Abend treffen wir uns mit Ulla und anderen Austauschstudenten und gehen Indisch essen. Für eben jene ist es das Abschiedsessen, da sie morgen zu einer finalen Koreatour mit ihrem Freund aufbricht und anschließend in die Heimat zurück fliegt. Die Abschließende Sauftour lehnen Ho-Young und ich ab. lieber schauen wir uns bei mir einen koreanischen Film an. Koreaner drehen bessere Liebesschnulzen als die Deutschen, sie sind gleichzeitig witziger, tragischer und emotionaler, ohne kitschiger zu sein. [▲]

04.09.2006

Montags ist außer Arbeit irgendwie nie viel los... Ich besuche mit Un-Sa eine Vorlesung, die von einer beliebten Professorin gehalten wird. Ich erkenne keine Unterschiede zu deutschen Vorlesungen. Abends treffe ich kurz Ho-Young (wir sehen uns jeden Tag, seit wir uns kennen...). [▲]

05.09.2006

Morgens kann ich mich zum Schwimmen aufraffen. Beim nachmittäglichen "Unterricht" mit Hye-Kyung, die diesmal auch Gyeo-Re mitbringt, bringen wir uns gegenseitig unsere Nationalhymnen bei. Korea hat auch eine sehr schöne, eher feierliche, so wie die Deutsche auch... Abends habe ich wieder das Vergnügen, Goldpartikel in Zwiebelstücke zu schießen (hatte ich irgendwann im Juli schonmal geschildert...). Und natürlich treffe ich Ho-Young, bevor sie nach Hause geht; sie bringt mir Essen, da ich heute wieder etwas länger in der Uni bleibe… [▲]

06.09.2006

Morgens Schwimmen. Arbeit, Arbeit, Arbeit... Zwischendurch einkaufen für morgen. Und Ho-Young treffen. Alle ihre Freunde sagen ihr, dass sie mich lieber jetzt verlassen soll, bevor es richtig ernst wird und ihr Herz bricht, wenn ich zurück nach Deutschland gehe. Sie ist traurig. Schwieriges Thema... Ich mache ein Nachtexperiment (die Sorte, bei der es stockdunkel sein muss, Resttageslicht durch die Jalousien ist schon zu viel…) bis etwa 4 Uhr, danach muss ich mich auf morgen (nein, besser sage ich „gleich“) vorbereiten, Schlaf fällt heute Nacht aus... [▲]

07.09.2006

Ich treffe Hye-Kyung im Schwimmbad um 6 Uhr. Das erfrischt und macht mich munter (das Schwimmen!). Nach dem Sport fahren wir vom Hauptbusterminal aus mit dem Expressbus zur Ostküste nach Sokcho (etwa 3 Stunden Fahrt), von dort weiter in den Seoraksan Nationalpark. Der Seoraksan ist mit seinen 1750 Metern der dritthöchste Berg Koreas und wegen seiner schönen Natur und einladenden Hikingtrails sehr beliebt. Wir finden teilweise wunderbare Aussicht, atemberaubende Felsformationen, Gebirgsbäche, Schluchten und nicht mehr ganz so einladende, weil sehr anstrengende Hiking-Pfade! Wir lassen uns von letzteren nicht abschrecken und erreichen einen buddhistischen Tempel, der hoch oben in eine Felsspalte eingearbeitet ist. Hye-Kyung ist eine tolle Reisebegleitung. wir harmonieren sehr gut miteinander. Bisher war ich bei so was ja immer allein unterwegs, aber mit Hye-Kyung ist es auch schön. Nach dem Rückweg nach Sokcho sind wir so fertig, dass wir am Strand von Sokcho erstmal schlafen. Nachts philosophieren wir, genießen das Meeresrauschen und den Mond, dessen Aufgang fast wie ein Sonnenaufgang anmutet, und trinken Wein. Ich möchte gerne eine Nacht unter freiem Himmel verbringen, aber Pustekuchen. Um halb eins werden wir von einer Gruppe schwer bewaffneter Soldaten geweckt, die uns vertreiben. Ohne ersichtlichen Grund ist es verboten, hier zu schlafen. Ich vermute, dass es wegen der Nähe zu Nordkorea so ist... Nachdem wir einige Zeit an einem See sitzen und über dies und jenes reden, gehen wir in ein Zzimzilbang. Es handelt sich um ein recht großes „Exemplar“, mit allem Schnickschnack, bloß kein Eisraum, aber gefroren haben wir ja auch schon am Strand... [▲]

 08.09.2006

Nach ausgezeichnetem "Frühstück" (Zzazangmyun, dieses Doppel-Z am Anfang (siehe auch Zzimzilbang) erkläre ich irgendwann mal...) gehen wir wieder zum Strand (Es ist bereits etwa 12 Uhr). Leider regnet es, was uns aber nicht davon abhält, im Meer zu schwimmen. Hye-Kyung wirkte sehr brav, als ich sie kennenlernte, aber sie kann durchaus verrückt sein. Immerhin haben wir so das Meer und den Strand fast für uns allein. Ich muss mit Highschool-Girls flirten. Eine Gruppe etwa 16-jähriger Mädchen in Schuluniformen lachen mich an und sitzen auffällig absichtlich so, dass ich quasi unter ihre Röcke gucken muss. Offensichtlich ist die Ostküste nicht so prüde wie Seoul und der Rest Koreas…Wir treffen außerdem einen alten Mann, der sehr redselig ist und hören uns seine Lebensgeschichte an. Er ist pensionierter Professor, der lange in Spanien war und jetzt darunter leidet, dass ihm niemand mehr zuhört. Ich muss an Deutschland denken: wenn mich dort ein alter ungepflegt aussehender Mann auf der Sprache anspricht, bin ich geneigt, einfach weiterzugehen. Hier fällt mir auf, dass es durchaus interessant sein kann, Menschen zuzuhören, die sich einfach nur mitteilen wollen und sehr nett sind. Aufdringlichkeit ist nicht immer gleich „betteln“. Bereits um 15:30 fahren wir zurück nach Seoul, was auch gut ist, denn wir brauchen fast 5 1/2 Stunden wegen unglaublich viel Verkehr. Ich habe nämlich noch Bandprobe in Hongdae, wo sich die anderen Musiker köstlich über die Episode mit den Soldaten amüsieren. Danach wollte ich, wie von ihr angekündigt, mit Ho-Young einen Film schauen, leider ist sie so betrunken, dass sie nicht mehr laufen kann (sie war saufen mit ihrem AK). Sie will nicht allein zu Hause liegen, darum trage ich sie zu mir nach Hause (gut dass Koreanerinnen so dünn sind...) und versuche, ihr die Ausnüchterung erträglicher zu machen... [▲]

09.09.2006

Ho-Young nüchtert unglaublich schnell aus, rennt morgens topfit zur Uni, während ich es vorziehe, lange zu schlafen. Nachmittags gehen wir beide zusammen in ein leckeres Mandu-Restaurant in Nokdu, danach zum Hangang, wir machen eine Rundtour mit einem Schiff, was sehr romantisch ist. Wieder zu Hause schauen wir wieder einen Film. Der klassische Pärchentag. Und viele Wochenenden werde ich mit Ho-Young nicht mehr haben... [▲]

10.09.2006

Gegen halb acht mache ich mich zur Bushaltestelle auf, um dort Ho-Young zu treffen und treffe auf dem Weg Unsa, der gerade aus Shinchon kommt und unglaublich betrunken ist. Er steht mitten auf der Straße und wird von Autos angehupt, weil er nicht weggehen will. Schließlich verschwindet er in einem Restaurant und will frühstücken. Ho-Young und ich fahren mit dem Zug nach Gapyeong (nordöstlich von Seoul) in einen Botanischen Garten, genießen die floristische Schönheit und einen sonnigen Tag. Es gibt viele koreanische Pflanzen, aber auch Kakteen- oder Orchideen- und Rosenhäuser. Ich stelle fest, dass Ho-Young ein Mensch ist, der oft meckert. Über alle möglichen und unmöglichen Dinge. Schreiende Kinder nerven sie. Ein Mann, der im Zug hinter uns sitzt, redet zu viel, da bittet sie den Schaffner, uns andere Plätze zu besorgen. Das gefällt mir überhaupt nicht! Es tut mir Leid, dass ich das sagen muss, aber sie erinnert mich an Annika (meine Freundin vor Hyun-A, die ich unter anderem aufgrund eben dieser Eigenschaft verlassen hatte...). Zurück in Seoul treffen wir Kyung-On in Apgujeong. Eigentlich wollte nur ich sie treffen, aber ich machte den Fehler, Ho-Young auf ihr Drängen hin mitzunehmen. Der Versuch, das Hard Rock Café Seoul zu besuchen scheitert, da es gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Schade. Alternativ trinken wir Cocktails in einer netten Bar. Kyung-On glaubt immer noch, sie könne kein Englisch und redet daher fast den ganzen Abend nur mit Ho-Young auf Koreanisch (von daher war es ein Fehler). Kyung-On und ich kreisen wortlos umeinander, es ist völlig klar, dass wir großes Interesse aneinander und eine gewisse Sympathie und Begeisterung füreinander haben, aber die Kommunikation stimmt an diesem Abend nicht. Vielleicht, weil „meine Freundin“ dabei ist. Ich werde den Gedanken nicht mehr los, dass Ho-Young sicher nicht „erste Wahl“ ist. Ich wäre am liebsten aufgesprungen und wäre mit Kyung-On irgendwohin abgehauen und hätte Ho-Young da sitzen lassen. Aber das ist Utopie. Ich denke an die letzten drei Wochen und der Gedanke, dass ich überhaupt eine Freundin habe, die Dinge mit mir unternimmt, beruhigt mich etwas. Meine bedrückte Stimmung bleibt bis zum Einschlafen… [▲]

11.09.2006

Heute gehen wir, das Session-Projekt, in ein Tonstudio in einem Keller in Sillim und nehmen den Song auf, den wir so intensiv in den letzten Wochen geprobt haben. Schlagzeug ist immer das erste, das aufgenommen wird. Mein Job ist nach einer Stunde getan, ich lasse die anderen Musiker lieber allein „arbeiten“ und fahre zur Uni. Allerdings lässt meine Motivation täglich nach, ich habe keinen Bock mehr, irgendwas zu arbeiten. Ich habe auch schon ein schlechtes Gewissen, da ich offensichtlich Arbeit aus dem Weg gehe. Ankyo hatte vielleicht Recht, ich bin faul... Abends fahre ich daher lieber wieder in das Studio, obwohl ich da eigentlich nicht gebraucht werde. Der Song ist sehr schön geworden, der Komponist ist auch sehr zufrienden! Nach gemeinschaftlichem Pizza-Essen und viel Spaß fahren wir gegen 23 Uhr nach Hause. [▲]

12.09.2006

Mit Hye-Kyung, Gyeo-Re und Seon-Mi, sowie deren "Kunsttheorie"-Kurs samt Professorin fahren wir nach dem Mittagessen in die Stadt (also...) und besuchen drei verschiedene Museen (bzw. Kunstgallerien). In der ersten stellen internationale Künstler moderne Arbeiten aus, die sehr kritisch mit der Gesellschaft umgehen. Das zweite zeigt hauptsächlich Skulpturen. Viele davon sind in meinen Augen sehr nichtssagend und ohne künstlerischen Wert (ist ein Brett mit drei Nägeln drin bereits Kunst, wenn jemand dranschreibt, dass es Kunst ist?). Das dritte ist das beste, dort haben drei französische Künstler Werke installiert, die optisch verzwickt sind und mit der Architektur des Hauses spielen. Aus jeder Perspektive sehen die Werke anders aus und nur an einem Punkt im Gebäude sind die Kunstwerke komplett zu sehen. Sehr interessant! Hier bekommen wir französischen Wein und Abendessen, nachdem diverse wichtige Leute Reden hielten und die Ausstellung offiziell einweihten. Ich hatte Un-Sa gesagt, ich sei gegen vier Uhr wieder da, naja, ist dann doch neun Uhr geworden... Ich bekomme subtilen Ärger, das bedeutet in diesem Fall ein böser Blick und eine vorwurfsvolle Frage, wo ich denn gewesen sei, zu mehr sind Koreaner nicht in der Lage, zumindest einem Ausländer gegenüber. Egal... Dann muss ich eben die Arbeit in die Nacht verlegen. Gegen 6 Uhr schlafe ich im Labor... [▲]

13.09.2006

7 Uhr schwimmen, das macht wieder munter. Die Arbeit klappt auch recht gut (was meinen Energievorrat betrifft). Leider bin ich nicht erfolgreich (das Herstellen der cDNA aus der RNA der Pflanzen funktioniert nicht), ich finde auch den Fehler nicht. Das wurmt. Obendrein finde ich heraus, dass der Soundday schon diese Woche ist, wo ich in Japan bin. So ein Ärger. Abends bessert Ho-Young meine Laune wieder auf, wir schauen einen koreanischen Film und... [nur damit das keine Missverständnisse gibt: Koreanerinnen sind prüde! Wir haben keinen Sex! Ich habe sie noch nicht einmal nackt gesehen!] [▲]

14.09.2006

Zum Mittagessen treffe ich Ho-Young in der Mensa, danach bereite ich meinen Japan-Trip vor (wie immer reichlich kurzfristig…) und mache mich auf zum Gimpo Airport, Flug JL8834 nach Tokio! Dort holt Koji (mein Ex-Mitbewohner) mich ab. Mein erster Eindruck von Japan: Noch mehr hübsche Frauen, aber die meisten sehen „künstlicher“ aus als die Koreanerinnen, viel mehr geschminkt und gestylt. Insgesamt wirkt alles sehr „westlich“, nur um einiges unübersichtlicher. Ohne Koji wäre ich in diesem U-Bahnnetz vollkommen verloren. Es gibt neben den staatlichen Linien viele private Linien, man muss dauernd umsteigen und es ist schweineteuer. Allein für die Fahrt heute Abend zahle ich soviel wie in Seoul für zwei Wochen U-Bahnfahren. Wir fahren in die Wohnung von Naoshi, einem Freund von Koji, wo wir uns viel erzählen, japanisches Bier trinken und irgendwann schlafen (Koji zieht morgen erst in seine neue Wohnung, so dass wir heute woanders schlafen müssen)... [▲]

15.09.2006

Da Koji noch mit dem Umzug beschäftigt ist, begebe ich mich allein auf einen Streifzug durch Tokio. Gut geplant und ausgestattet schaffe ich es, mit der U-Bahn bis zu einem Park im Stadtteil Ueno zu kommen, wo ich zunächst das National Museum aufsuche. Hier bestätigen sich meine schlimmsten Befürchtungen. Japan stellt skrupellos aus Korea erbeutete und gestohlene Kunstschätze aus, schreibt vom Einfluss Koreas auf die japanische Kultur und dass Japan ja offensichtlich stets „weltoffen“ für andere Kulturen und Strömungen und damit sehr fortschrittlich war. So kann man es auch sehen. Alles, was wirklich japanischen Ursprungs ist, ist dagegen denkbar unspektakulär, vor allem die traditionelle Malerei. Die Gesichter auf alten Gemälden sind konturenlos, haben keinen Ausdruck, meist nur zweidimensional und sind unproportional. Die Chinesen und Koreaner konnten das bei weitem besser. Erschreckend ist diese Tatsache: In einer Vitrine sind Schwerter und Zubehör ausgestellt, unter anderem die schmuckvollen Ringe, die zwischen Klinge und Schaft sitzen, mit einem charakteristischen, klingenquerschnittsförmigen Loch in der Mitte. In der nächsten Vitrine sind Halsketten ausgestellt und an einer Kette aus Leder hängt eben so ein Schwertring, der da gar nicht hingehört. Das macht auf mich einen arg unprofessionellen Eindruck, das hätte ich vom Nationalmuseum nicht erwartet. Die anderen vier zum Museum gehörenden Gebäude sind schöner, denn sie präsentieren modernere japanische Kunst, die nicht aus anderen Kulturen geklaut wurde. Besonders beeindruckt bin ich von einer Halle, in der hunderte kleine Statuen, die Buddha in unterschiedlichen Posen darstellen, ausgestellt sind. Nicht weit vom National Museum befindet sich das Science Museum. Dieses Museum hat im Grunde nichts typisch japanisches, sondern zeigt auf sehr illustrative und beeindruckende Weise unseren Planeten: Evolution, Biodiversizität (Artenvielfalt im Bezug auf unterschiedlichste Landschaftsformen) und anthropologische Einflüsse werden hier dargestellt. Der Besucher wandert nacheinander durch Meereslandschaften, Tropenwälder, Wüste und Gebirge, steht Bären, Haien, Riesenspinnen und Käfern gegenüber und kann sich auf Bildschirmen über das jeweilige Thema informieren. In einer anderen Etage darf man physikalische Experimente selbst machen, um spielerisch Phänomene von Magnetismus, Optik, Elektrizität und Mechanik kennenzulernen. Leider habe ich nicht viel Zeit und muss das Museum viel zu früh verlassen, um pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt mit Koji zu koommen. Um 17 Uhr treffen wir uns in Shinjuku, der "Reeperbahn Tokios". Ich bin erschlagen von dieser „Stadt in der Stadt“. Während Tokio eigentlich nichts besonderes hat, weil es sehr westlich orientiert und modern aussieht und daher wie eine „gewöhnliche“ Großstadt daher kommt, erlebe ich in Shinjuku das Japan, das ich mir vorgestellt habe: bunt, schrill, laut, abgefahren, freakig. Ich esse „Hiyashichuka“, Nudeln mit Gemüse und leckerer Sauce. Karaoke-Singen ist natürlich auch Pflicht, hier bezahlt man etwa 50 Cent für eine Stunde, das ist deutlich billiger als in Korea und das mit Abstand billigste in Japan, das ansonsten ein unglaublich teures Land ist. Wir finden eine interessante Kneipe, die im Stil der 50er Jahre in Japan eingerichtet ist. Es sieht fast wie ein Museum aus, es gibt viel Blechspielzeug, alte Metallwerbeschilder, Konservendosen, Einmachgläser, aus Amerika importierten Schnickschnack und viel Kitsch. Das Bier schmeckt lecker ganz gut, kann mit dem koreanischen wohl mithalten. Danach fahren wir zu Kojis neuer Wohnung, unterhalten uns noch mit einem seiner Mitbewohner Tomo (spricht fließend Deutsch…), essen noch kurz japanische Lamyun (hier Ramen genannt) und schlafen... [▲]

16.09.2006

Wir holen Megumi (die auch wie Koji in Münster an der Sprachschule war) vom Hauptbahnhof ab und statten zunächst dem Kaiserhof einen Besuch ab. Er liegt in Tokios größtem Park, aber leider kann man ihn nur von außen besichtigen, Seine Majestät wünscht keine Besucher... Sieht aber auch von außen beeindruckend aus. Danach schauen wir uns in Asakusa (der "Altstadt" von Tokio) eine Straße mit unzähligen kleinen Shops an, die Zielgruppe sind eindeutig die Touristen, die mit Schnickschnack und obligatorischen japanischen Souvenirs ausgestattet werden müssen. Am Ende der Straße stehen ein buddhistischer Tempel (so ziemlich der einzige erhaltene in Tokio) und ein Shinto-Schrein, indem wir vom Eingang aus eine traditionelle Hochzeit beobachten dürfen. In dem Tempel kann man diverse „Zeremonien“, die einem Auskunft über die Zukunft bringen sollen, selbst durchführen. Beispielsweise zieht man einen Holzstab aus einer Schachtel, auf dem eine Nummer steht, sucht diese Nummer in einer Wand mit unzähligen kleinen Schubladen und zieht aus „seiner“ Schublade einen Zettel, auf dem so was wie ein Horoskop steht. Auf meinem steht passender Weise, dass ich auch in Zukunft der glücklichste Mensch der Welt bleiben werde (woher wissen die, dass ich das bereits bin?!). Mittagessen ist Luxus-Ramen (die japanische Version von Lamyun) in einem darauf spezialisierten Restaurant. Ich zerre die beiden in ein Drum Museum, das interessante Trommeln und Percussion aus aller Welt und allen Zeitepochen ausstellt. Ich bin begeistert, die anderen beiden offensichtlich auch. Wir fahren mit einem Boot einen Fluss hinunter Richtung Hafen und passieren dabei unzählige Brücken, die in allen Farben und Variationen diesen Fluss überqueren. Außerdem verschafft mir diese Tour einen weiteren Eindruck von der modernen japanischen Architektur, denn besonders an den Ufern dieses Flusses scheinen sich junge Architekten ausgetobt zu haben. Wieder an Land besteigen wir den Tokio Tower, der aussieht wie der Eiffelturm, nur in rot. Dort ist es so voll, dass es dunkel ist, bevor wir die Aussichtsplattform erreichen, aber der Anblick ist beeindruckend, vielleicht gerade, weil es dunkel ist. Seoul ist allerdings beeindruckender... Anschließend treffen wir Akiko, Aya (beide auch Sprachschule Münster) und Kyoko (Akikos Freundin) in Roppongi, wo das Hard Rock Café Tokio steht. Da das Essen dort zu teuer ist, lerne ich einen japanischen Schnellimbiss kennen: Man schmeißt ein paar Münzen in einen Automaten, bekommt die Essensmarke, die man auswählt und gibt sie dem armen überarbeiteten Kellner in der Mitte des Restaurants. Es dauert keine Minute, bis man sein Essen hat. Wer nach fünf Minuten sein Essen noch nicht hat, darf gar sein Geld zurückbekommen. Der Kellner ist pausenlos am Schuften (Koji hatte auch mal so einen Job, hat ihn aber schnell wieder aufgegeben…). Ich esse eine sehr leckere japanische Version vom auch in Korea beliebten Curry-Reis (mit Schweinefleisch in leckerster Sauce). Im Hard Rock Café genießen wir dann die Musik und einige Cocktails. Kurz bevor wir gehen müssen (die anderen müssen vor U-Bahnschluss (0 Uhr!) noch nach Hause) kommt Yuko, die ich noch nicht kenne, obwohl sie auch in Münster war. Sehr sympathisch, hätte mich gerne länger mit ihr unterhalten. Bereits nach zwei Minuten Unterhaltung lachen wir so herzhaft miteinander, wie es sonst nur gute Freunde tun... Megumi, die nicht aus Tokio kommt, schläft diese Nacht auch in Kojis Wohnung. Dort saufen wir weiter zusammen mit Kojis Mitbewohner Tomo. Mit ihm unterhalte ich mich noch bis 3 Uhr, während die anderen schon schlafen... [▲]

 17.09.2006

Megumi, Koji und ich fahren nach Ikebukuro, wo es einen berühmten Food Court gibt. Das ist eine Art Themenpark in einem Einkaufszentrum mit sehr viel Essen und asiatischen Spezialitäten. Es gibt eine Mandu-Straße, ein "Eiscreme-Dorf", Bäckereien und vieles mehr. Ich esse spezielle Mandu (in fünf verschiedenen Farben) und Chili-Eis (süß, scharf und knallrot, lecker!). Nebenbei bin ich von dem Museumscharakter begeistert, ich habe noch nie soviel kuriose kulinarische Köstlichkeiten auf einen Haufen gesehen. Gleichzeitig ist es eine Art Verknügungspark und Spielplatz, wir laufen zum Beispiel durch eine Art Gruselkabinett. Leider ist es so voll, dass wir nicht alles vollends genießen können. In einem riesigen CD/DVD-Geschäft im Nachbarwolkenkratzer verschaffe ich mir eine Übersicht über japanische Musik (deutlich mehr Metal, Ska und andere „Spartenmusik“ als in Korea) und kaufe eine schöne CD, Koji kauft einen Film. In Shinjuku komme ich dann in den Genuss von "echtem" Sushi. Bis auf ein Stück haben alle geschmeckt, dieses eine allerdings ist so ungefähr das ekeligste, das ich je gegessen habe, unbeschreiblich. Es handelte sich um Uni-Sushi, Uni ist eine Art Seeigel, dessen Innenleben der Küchenchef hier verarbeitet hat. Ich hätte es fast wieder ausgespuckt... Wir schauen noch kurz bei einer Shinto-Prozession zu, dann verabschiedet sich Megumi wieder nach Hause und Koji und ich fahren zu einer Kneipe, in der sein Freund arbeitet, bekommen leckeres Essen (Okono-miyaki), Bier und Sake (lecker!). Koji schläft bereits um halb neun auf dem Tisch, er verträgt nicht so viel... Zu Hause hat er allerdings wieder genug Energie und wir schauen uns den japanischen Film an, den er gekauft hatte. Lang und kompliziert, aber sehr gut. [▲]

18.09.2006

Zu lange geschlafen. Schnell noch typisch japanisches Mittagessen (aufgrund bestimmter Einfuhrgesetze gibt es dieses Rindfleischgericht nur an bestimmten Tagen im Jahr, heute ist wieder so einer…), dann zum Flughafen, Einchecken, im Duty Free Shop die letzten Yen ausgeben (Schokolade für meine Freundinnen in Korea) und nach Seoul fliegen. Natürlich drängt sich ein Vergleich auf. Seoul gefällt mir besser. Obwohl Japan ordentlicher und moderner aussieht, hat Seoul bei weitem mehr Flair. Tokio ist eine 0-8-15-Stadt, Seoul ist unvergleichlich. Der Straßenverkehr fließt in Tokio schneller und Passantenfreundlicher, dafür hat Seoul das billigere und übersichtlichere U-Bahnsystem. Und Seoul hat deutlich mehr Sehenswürdigkeiten zu bieten. Die Vier Tage waren einfach nicht genug, ich werde sicherlich noch einmal nach Japan fliegen, um mir einen umfassenderen Eindruck zu verschaffen. Ich danke Koji und den anderen für die herzliche Aufnahme und das Einführen in die japanische Lebensweise!

Zurück in Seoul muss ich feststellen, dass Ho-Young irgendwie sauer ist. Sie reagiert wie damals Annika: Sie sagt nicht, dass ihr etwas nicht gefällt, sie erzählt nur, sie habe keine Lust, mich zu treffen. Das passt nicht zusammen. Sie sagt sie vermisst mich und will lieber früh ins Bett gehen als mich zu treffen?! Ich bin ja nicht blöd und überrede sie, mich nach der Uni noch zu treffen. Wir trinken im "Wilson" in Nokdu noch ein Bierchen, erzählen von unseren Erlebnissen und ich finde heraus, warum sie sauer auf mich ist: Ich habe sie aus Japan nicht angerufen. Oh je. Spätestens jetzt ist mir klar, dass Ho-Young nicht die richtige für mich ist. Wenn es wegen so was schon Knies gibt und sie das auf diese Weise zum Ausdruck bringt… Wenn wir in Deutschland wären, würde ich sie verlassen. In diesem Fall denke ich, dass es einfacher ist, wenn ich in ein paar Tagen einfach gehe, das Schlussmachen regelt die Zeit dann für mich. Und außerdem steht noch eine kleine Reise aus, die ich nicht allein machen will… [▲]

19.09.2006

Un-Sa kommt erst um 14 Uhr ins Labor und erhält von Professor Park die "letzte Chance" (sonst Rauswurf!). Ich arbeite heute quasi gar nicht, sondern schreibe an meiner Seite und kommuniziere sehr viel über das Netz... Zum Dinner treffe ich Hye-Kyung und Seon-Mi. Gegen 22 Uhr fährt Ho-Young mit mir zur SNU-Station, dort wurde ein neues 16-stöckiges Gebäude fertig gestellt. Auf dem Dach befindet sich ein Garten mit herrlicher Aussicht, sehr romantisch. Es ist ein schöner Ort, schade, dass das Haus erst jetzt dort steht. Ob es in Münster auch so was gibt? Anschließend besuchen wir einen Noraebang und singen uns gegenseitig Liebeslieder vor, bis wir heiser sind. [▲]

20.09.2006

Abends findet ein Treffen mit allen DAAD-geförderten Studenten und den "Außenstellenleitern" in Hongdae statt (neun Personen). Wir haben ein schönes koreanisches Abendessen, tauschen unsere Erfahrungen aus, erzählen uns unsere Geschichten, unterhalten uns prima und erfahren viele interessante Dinge. Ich bereue es nun nicht, dass ich nicht an die nordkoreanische Grenze gefahren bin (und das auch nicht mehr tun werde), da es sich offenbar, wenn überhaupt, nur für Koreaner lohnt, wegen der emotionalen Komponente, Touristen finden diese Propaganda-Veranstaltung in der Regel eher albern und abschreckend (so einstimmig die anderen, die schon dort waren). Da niemand vorhat, die ganze Nacht dort zu bleiben, fahren wir vor U-Bahnschluss nach Hause zurück und freuen uns über einen Abend voller netter Unterhaltung! Danke, DAAD (nicht nur dafür)! [▲]

21.09.2006

Verschlafen (egal...), mein Ruf im Labor ist eh schon dahin. Abends treffe ich Hye-Kyung, Seon-Mi, Gyeo-Re, ich präsentiere ihnen zunächst jenen „geheimen“ Dachgarten nahe der SNU-Station, den Ho-Young mir vor kurzem zeigte. Erste Stufe: Makkoli und Pacheon in einer koreanischen Bar. Ich erzähle den drei, die ich als meine besten Freundinnen bezeichne, von meiner Einstellung bezüglich Ho-Young. Sie sind überrascht und vielleicht finden sie es sogar ein wenig befremdlich, dass ich so rede. Trotzdem stimmen sie mir zu, dass es besser ist, einfach durch meine Abreise die Sache zu beenden. Ho-Young stößt zu uns, kurz bevor wir zur zweiten Stufe übergehen: Maekchu, Chicken-Salat und Früchte in einer stimmungsvollen Kellerkneipe. Dazu interessante Gespräche und erneut die delikate Situation, dass ich mindestens eine der Anwesenden „besser“ finde als meine Freundin. Die dritte Stufe fällt leider aus, weil alle müde sind. Allerdings versprach ich den Frauen, ihnen morgen Sandwich zu machen. Das will vorbereitet sein… [▲]

22.09.2006

Wie versprochen baue ich Sandwich für die Frauen. Gyeo-Re muss arbeiten, daher bringe ich ihr die Sandwichs zusammen mit der Schokolade, die ich ihr aus Japan mitgebracht hatte, schon zum Frühstück, ich treffe sie auf dem Campus. Mittags treffe ich Hye-Kyung, Seon-Mi und Ria (wow, die hübscheste Koreanerin, die ich kennengelernt habe...). Mit letzterer diskutiere ich angeregt über den Sinn von Glauben und Religion. Sie ist gar nicht begeistert von meiner Ansicht. Ich erkenne, dass es eine grundlegend unterschiedliche Auffassung von Religion in Korea gibt. Meine Erfahrung ist, dass Religion immer den Aspekt „Du musst glauben, was alle glauben, was in diesem Buch geschrieben steht, und nicht das, was in deinem Herzen ist.“ enthält. In Korea ist man auch im Christentum ähnlich frei von Dogmen wie im Buddhismus. Auch die Christen sind in ihrem Glauben frei genug, um sich selbst darin zu verwirklichen. Daher verstand Ria meine Argumente nicht, dass Religion zu starr, zu unflexibel, zu aufgesetzt ist. Ich glaube, ich habe einen eher schlechten Eindruck hinterlassen. Anschließend fahre ich mit Hye-Kyung zum Deoksugung(-Palast) neben dem Rathaus inklusive Museum, zum völlig überfüllten Namdaemun Market (ein Outdoor-Markt) inklusive Shinsege (ältestes western-style Kaufhaus in Seoul), sowie Myeongdong, wo wir gemütlich durch die Menschenmenge schlendern. Abendessen ist Labeokki (ab sofort mein Lieblingsessen!). Danach fahre ich nach Hongdae, wo ich die Musiker der Recording Session treffe. Wir feiern unsere gelungenen Aufnahmen mit Samgyeopsal und Soju. Der Komponist verkündet, dass sein Professor bereits begeistert war und schon ein oder zwei Auftritte sicher seien, der erste am 30.09. abends. Schade, da bin ich gerade weg…L. Danach geht’s mit dem Gitarristen, der Sängerin seiner Band und dem Sänger unseres Projekts zum Prince Edward Noraebang, wir bekommen einen Raum mit Schlagzeug, Klavier und viel Luxus. Die anderen drei können viel besser singen als ich, wir haben viel Spaß! Im FF(-Club) trinken wir noch einen und ich unterhalte mich prima mit dem Gitarristen (36). Schließlich gehe ich wohl zum letzten mal in den Zzimzilbang, relaxe ungemein und schlafe auf dem Steinboden, weil alle Gummimatten schon belegt sind. Wegen Schlafmangel und daraus resultierender Müdigkeit ist das allerdings kein Problem... [▲]

23.09.2006

Ich schlafe acht Stunden. Gegen 13 Uhr fahre ich nach Heewha, um dort Ho-Young zu treffen, allerdings kündigt sie an, später zu kommen. Neben der U-Bahnstation ist ein Haus abgebrannt, alles voll mit Feuerwehr und so *gaff*. Die Hauptstraße ist zugunsten eines Straßenfestivals gesperrt, der koreanisch-japanische Freundeskreis hat eingeladen. Ich sehe japanische Musik-, Tanz- und Kunstperformances, sehr nett. Da Ho-Young immer noch nicht kommt, gehe ich eben allein in den Changgyeongdung(-Palast). Hier lerne ich, dass auch die alten koreanischen Kaiser so etwas wie Demokratie ausübten, indem sie für wichtige Entscheidungen immer einen Rat einberiefen, an dem Leute aus dem Volk und per Gesetz immer auch Historiker teilnahmen (Gesetze ohne das Zustimmen von Historikern waren nichtig und mussten neu diskutiert werden). Außerdem gibt es in diesem Palast ein sehr altes "Gewächshaus" mit interessanten Pflanzen aus allen Teilen Koreas. Direkt neben diesem Palast steht ein weiterer, Changdeokgung, wo ich dann auch Ho-Young treffe. Hier darf man nur im Rahmen einer Führung durchlaufen, die englischsprachigen sind schon vorbei, also eben auf Koreanisch, trotzdem sehr interessant. Anschließend spazieren wir die Hauptstraße von Insadong entlang, der von Touristen meist frequentierte Ort in ganz Korea. Spaghetti zum Abendessen (mal was anderes...). Danach zum Bahnhof Cheongnyangni und mit dem Zug um 22 Uhr nach Jeongdongjin an die Ostküste. Die Bahn ist noch langsamer als der Zug von Münster nach Warendorf (!), dementsprechend brauchen wir über 6 Stunden für die etwa 250 km. Die meiste Zeit schlafen wir... [▲]

24.09.2006

Um 4:30 erreichen wir Jeongdongjin, der Bahnhof liegt direkt am Meer, vom Gleis direkt auf den Strand... Viele Koreaner kommen hier her, um den Sonnenaufgang zu genießen, besonders heute morgen ist es sehr voll (klar, Sonntag...). Auf einen Tip von Ho-Youngs Schwester hin suchen wir einen kleinen Berg auf (vielleicht 30-40 Meter hoch...), erklimmen ihn im Dunkeln (sehr gruselig) und finden oben einen Pavillion im Stil eines buddhistischen Tempels. Wir sind allein dort oben, haben freie Sicht auf den Strand, das Meer, den Horizont. Schöner kann es nicht sein. Ein wunderschöner Sonnenaufgang! Wir klettern wieder runter, spazieren am Strand entlang, frühstücken Lamyeon und schlafen im Sand. Um 11 Uhr nehmen wir den Zug zurück, die Rückfahrt dauert noch länger. Zum Abendessen haben wir eine Einladung von Karan erhalten, einem Studenten aus Indien, der uns hervorragendes Hähnchen-Curry serviert! Vollgefressen schlafe ich dann auch mal wieder zu Hause... [▲]

25.09.2006

Heute tue ich tatsächlich nichts. Un-Sa hat keine Instruktionen mehr für mich, ich surfe durchs Netz, beginne mit der Arbeit an meiner Präsentation (haha, für ganze 15 Minuten...) und sortiere meine Musiksammlung. Erfreulicher Weise ruft Noah mich an, die ich schon fast vergessen hätte, und sagt, dass sie mich noch einmal sehen will, bevor ich abreise. Donnerstag Mittagessen, das wird toll, ich freu mich schon! Zwischendurch besuche ich das International Food Festival, das auf einer Wiese auf dem Campus stattfindet, ist allerdings nichts Spektakuläres... Gegen 22 Uhr gehe ich mit Ho-Young nach Hause, bis zwei Uhr kommt sie noch mit zu mir... [▲]

26.09.2006

Um 12 Uhr treffe ich Hye-Kyung, wir gehen einkaufen und sie kocht Labeokki für Gyeo-Re und mich in ihrer Wohnung. Lecker! Jetzt weiß ich auch, wie das geht und kann das in Deutschland für euch alle kochen (aber vorsicht, sehr scharf!). Die beiden Frauen sind sehr beeindruckend, wie ich mal wieder feststelle. Beide kommen nächstes Jahr nach Deutschland, dann treffe ich sie wieder! Was für ein Glück! Nachmittags vermittle ich Hye-Kyung einen neuen Sprachpartner. Ich habe ihn beim DAAD-Treffen kennengelernt, er studiert auch an der SNU und suchte eine Sprachpartnerin. Abends finden im Rahmen des Food Festivals auf der Wiese Konzerte von Studentenbands und sogar zwei national bekannten Bands (Island City, Nell) statt. Das Interesse ist mal wieder erschreckend gering, irgendwie haben es die SNU-Studenten nicht so mit rockiger Livemusik. Anschließend trinken Un-Sa, Hanne, Hanna und ich im Global House (bei den Wohnheimen), wo es zu einem interessanten Zwischenfall kommt: Der Rest vom AK Park taucht auf und setzt sich an einen anderen Tisch. Unsa und ich tun so, als hätten wir sie nicht bemerkt, ich vermute, sie tun das gleiche. Eigentlich schade, dass es sich letztentlich in diesem Arbeitskreis genauso entwickelt hat, wie bei den Yoos. Aber ich behaupte, es liegt nicht nur an mir… [▲]

27.09.2006

Um meinen Abschied zu feiern (klingt traurig, aber manchmal denke ich, einige von denen freuen sich wirklich, dass ich weggehe), trifft sich der AK Park zum Mittagessen im japanischen Nobelrestaurant auf dem Campus. Danach bereite ich mich mental auf die Abreise vor und räume meinen Laborplatz auf. Abends besuche ich mit Hanne, Hanna und Karan (sein voller Name: Maruthachalam Karunakaran) noch einmal das Food Festival, wo ich diesmal auch wirklich interessante Dinge probiere (ich esse brasilianisch, schweizerisch, österreichisch, nepalesisch, französisch und indisch...). Wir trinken Bier, später zeige ich auch ihnen den Dachgarten auf dem Yellow Egg. Gegen 23 Uhr treffe ich Ho-Young, wir gehen auch noch einen trinken und etwas essen in einer sehr schönen Keller-Bar. [▲]

28.09.2006

Morgens fange ich an, meinen Koffer zu packen. Zum Mittagessen treffe ich mich mit Noah, die nun sicher ist, dass sie sich nicht in mich verliebt. Ich wünschte, das wäre ihr eher eingefallen. Naja, wir können ja (Brief-)Freunde bleiben. Ich bin ihr sehr dankbar für die Stunde, die sie jetzt noch einmal für mich Zeit hat! Nachmittags treffe ich Hye-Kyung und Gyeo-Re, die mir Ausschnitte ihrer Videokunst zeigen (Hye-Kyung hat mit Barbie-Puppen einen kurzen Film mit dem Titel „Pornographie für Frauen“ erstellt) und mir helfen, einen Brief an meine Vermieterin zu schreiben (reden kann ich mit ihr leider nicht...). Um 18 Uhr beginnt dann meine Abschiedsparty. Hye-Kyung, Gyeo-Re, Seon-Mi, Min-Young und Jong-Won gehen zunächst mit mir Abendessen (Samgyeopsal in Nokdu), Kyung-Ryul sagt wegen Verletzung ab, Hong-Seok auch wegen irgendwelcher Probleme. Zweite Stufe ist die Bar, die ich gestern mit Ho-Young entdeckt hatte, dort stoßen noch Dong-Seon (ich weiß endlich, wie unser Bassist heißt!), Un-Sa und Ho-Young zu uns, während sich Gyeo-Re leider schon verabschiedet. Alle schreiben mir Abschiedsbriefe auf Koreanisch in mein Notizbuch. Da kann ich entweder mit meinem Wörterbuch dran Knobeln oder zurück in Deutschland meine Freundin Julee fragen… Dritte Stufe (gegen 0 Uhr): obligatorischer Noraebang-Besuch (mein letztes mal, schnief...)! Min-Young sagt, sie hat das Gefühl, ich singe alle Lieder für sie, was nicht ganz falsch ist, wenn ich „With a little help from my friends“, Sinatras „My way“ oder „Bridge over troubled water“ singe. Vor der vierten Stufe verabschieden sich Min-Young und Dong-Seon, der Rest trinkt weiter Soju und Bier zu leckeren Side-dishes in einer Kneipe, bis um halb vier alle nach Hause gehen. Danke, meine Freunde! [▲]

29.09.2006

Nachmittags fahre ich nach Insadong, um mein letztes Geld für Souvenirs und Geschenke auszugeben. Ich kaufe Tee, Masken, Schlüsselanhänger, Glöckchen, Teetassen und bemalte Untersetzer. In den Uni-Shops kaufe ich noch schnell Andenken für mich (das obligatorische SNU-T-Shirt). Abends gebe ich dem AK Park Pizza aus, der wiederum verabschiedet mich herzlichst mit einem schönen Geschenk (SNU-Fanausrüstung, mit Wimpel, Cappy, Handyanhänger, T-Shirt, etc...). Zu Hause treffe ich die letzten Abreisevorbereitungen. Ich habe in dem halben Jahr in diesem Zimmer nicht viel Dreck gemacht. Der Koffer ist voller als auf der Hinreise, daher muss ich wohl auf ein paar Dinge verzichten (meine Handtücher schenke ich Ho-Young). Frau Jung, die Vermieterin, ist sehr gerührt über den Brief, den ich ihr schrieb und entschuldigt sich, dass sie kein Englisch kann. Wiedermal will sie etwas mitteilen, das ich nicht verstehen kann. Es wird mir vieles ein Rätsel bleiben, aber immerhin haben wir es sprachlos ein halbes Jahr miteinander ausgehalten. Ich hole meine Freundin von der Uni ab, sie spielt mir noch ein paar Lieder auf der Okarina vor. Zu Hause haben wir nicht viel voneinander, da zuerst Kyung-On anruft, dann Hayan, mit der ich drei Stunden telefoniere. Ho-Young schläft unterdessen und geht schließlich leicht genervt und enttäuscht nach Hause. Naja, irgendwie wollte ich aber auch nicht auf das Gespräch mit Hayan verzichten... Ist das der unspektakuläre Abgang einer Notfreundin, das stille Fade-out einer unechten Zweck-Partnerschaft? Sie hinterlässt einen faden Nachgeschmack, der ein bisschen den Charakter eines schlechten Gewissens hat. Heul nicht rum, Mehlich, du hast es so gewollt! [▲]

30.09.2006

Tschüss, Korea! Ich verschlafe leider und muss ziemlich hetzen, mit dem 35-Kilo-Koffer zur Bushaltestelle rennen, wo Hye-Kyung und Gyeo-Re auf mich warten, um mich zu verabschieden. Der Airport Shuttle Bus will bereits abfahren, so dass ich nichtmal Zeit habe, mit den beiden zu reden, wir verabschieden uns schnell und ich fahre weg. Ich bin ein bisschen traurig. Am Flughafen geht alles sehr unkompliziert, ich hätte nicht mal so viel wegschmeißen müssen, da der Koffer leichter ist, als ich dachte ("nur" 32 kg). Der Flug war langweilig und ich musste an all die Leute denken, die ich nicht mehr treffen kann in nächster Zeit. Gyeo-Re und Hye-Kyung waren heute Morgen beinahe umsonst zur Haltestelle gekommen, so schnell wie ich weg war... Mit Hayan werde ich nicht mehr telefonieren können und seit gestern weiß ich auch, dass Kyung-On an mich denkt, was jetzt leider zu spät ist. Und Ho-Young. Sie habe ich nicht mehr gesehen. Vielleicht ist sie sauer wegen des Telefonats mit Hayan. Naja... In Frankfurt angekommen direkt der Kulturschock: am Bahnhof kommt ein Zug zwei Minuten zu spät und die Leute regen sich tierisch auf. Deutschland, wie ich es kenne. Ich amüsiere mich köstlich... Im Zug nach Münster treffe ich zunächst einen jungen Mann, der meint, er wüsste alles über Korea, obwohl er nie dort war und tischt bloß viele falsche Klischees auf (auch irgendwie typisch Deutsch…) und dann eine Kommilitonin. In Münster werde ich von meiner Schwester abgeholt, eine chinesische Freundin kommt auch, um mich zu begrüßen. Wieder zu Hause freuen sich meine Eltern, mich wiederzusehen, ich verteile Geschenke und... bin wieder zu Hause. Einerseits schön. Andererseits traurig. Es war eine wundervolle Zeit! Danke, Korea! [▲]

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