Die Entwicklung der Welt - Teil 1: Bis kurz vor Mitternacht


Bevor ich meine Ansichten über die Entwicklung der Welt erkläre, möchte ich darauf hinweisen, dass ich stark durch die Naturwissenschaften geprägt bin. Durch Studium und auch Eigeninteresse hatte ich einerseits die Möglichkeit, zumindest ein wenig Einsicht in den materiellen Aufbau der Welt zu bekommen, und andererseits, philosophische, psychologische und alle weiteren nicht-materiellen Aspekte kennenzulernen. In vielen Fällen mögen meine Thesen wie Behauptungen oder Meinungen klingen, so dass Reaktionen wie „Das kann ja jeder sagen!“ oder „Woher willst Du das denn wissen? Das glaube ich nicht!“ unvermeidbar sind. In diesem Text verzichte ich zwar auf Quellenangaben, ich verweise allerdings auf Lehrbücher und wissenschaftliche Publikationen jeglicher Art! Ich sehe mich in der Lage, bei Bedarf Beweise in Form von Forschungserkenntnissen für meine Thesen zu präsentieren.

 "Am Anfang schuf Gott alle Materie". So beginnt ein seriöses, nicht allzu altes Lehrbuch zum Thema Evolution. Der Grund liegt auf der Hand: Gott wird immer dann herangezogen, wenn das Wissen an seine Grenzen gelangt, wenn Phänomene erklärt werden wollen, die wir nicht verstehen können. Mit den heutigen naturwissenschaftlichen Methoden kommen wir einfach nicht weiter zurück als zum Anbeginn unseres Universums, und selbst bis dahin ist die Rückschau von so vielen Lücken und Ungereimtheiten bestückt, dass wir niemals sicher sein können, was wirklich war. Dennoch erlauben uns die Naturwissenschaften heute einen mehr oder weniger detaillierten Überblick über die Entwicklung zum modernen Menschen in der Welt, wie sie heute ist. Ich würde mich allerdings lieber der agnostischen Weltsicht anschließen und es lieber so formulieren: Ich weiß nicht, was vor dem Urknall war (und soweit ich weiß, kann das auch niemand anderes wissen), darum mutmaße ich auch nicht länger, sondern fange bei meinen Betrachtung an dem Punkt an, der als gesichert gilt und den ich ohne Zögern akzeptieren kann.

Die Physik liefert uns klare Hinweise darauf, dass alle Materie, aus der sich in den letzten 13,7 Milliarden Jahren unser Universum geformt hat, aus einem Punkt entstanden ist, der sich zunächst explosionsartig (als Urknall bekannt) und dann immer langsamer ausbreitete.

Das Universum beginnt mit dem Urknall. Zum Zeitpunkt NULL versagen aber die bekannten physikalischen Gesetze. Die beschreibbare Geschichte des Universums beginnt erst 10-43 Sekunden nach dem Zeitpunkt NULL. Die durch den Urknall verursachte Expansion lässt die Temperatur des Universums nach und nach sinken. 10-43 Sekunden (Planck-Zeit) nach dem Urknall konzentriert sich unser heute sichtbares Universum zunächst in einem extrem kleinen Raumgebiet von Planck-Länge (10-35 m), angefüllt mit unvorstellbar heißer und dichter Strahlung. Die Temperatur beträgt etwa 1032 Grad. 10-36 Sekunden nach dem Urknall ist die Temperatur auf 1027 Grad gefallen, immer noch eine Welt mit ungeheuren Temperaturen und extremem Druck. Materie und Licht sind noch nicht getrennt: Quarks, Antiquarks und Photonen wandeln sich ineinander um. 1 Sekunde nach dem Urknall ist die Temperatur weiter auf 1010 Grad (10 Milliarden Grad) gefallen, und die Materie ist nach einer Reihe von Umwandlungsprozessen zu jenen Bausteinen kondensiert, aus denen sich unser Kosmos auch heute noch zusammensetzt: Elektronen, Protonen, Neutronen. Bei Temperaturen unter 109 Grad (1 Milliarde Grad), was nach ca. 10 Sekunden erreicht wird, wird das Universum zu einem gigantischen Kernreaktor. Protonen und Neutronen vereinigen sich durch Kernfusion zu ersten schweren Atomkernen. Nach 1 Minute hat das Universum bereits einen Durchmesser von über 1015 km. In dieser Entwicklungsphase ist das gesamte Universum wie eine einzige riesige Sonne, die in ihrem Inneren durch Kernfusion immer mehr Atomkerne schwerer Elemente erbrütet. Durch die ständige Expansion hat aber bereits nach 5 Minuten die Dichte der Materie soweit abgenommen, dass dieser Prozess wieder zum Erliegen kommt. Es haben sich 25% Helium-, 0,001% Deuterium- sowie Spuren von Lithium- und Berylliumatomkernen gebildet. Die restlichen 75% bleiben Protonen, Wasserstoffatomkerne. Das Universum kühlt sich weiter ab. Nach 400000 Jahren beträgt die Temperatur 3000 Grad. Bei diesem Wert können die Atomkerne und Elektronen sich zu Atomen verbinden. Die Elemente Wasserstoff und Helium entstehen. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Licht in ständiger Wechselwirkung mit den geladenen Atomkernen und Elektronen. Das Universum war daher undurchsichtig. Die Wechselwirkung von Licht mit neutralen Atomen ist nun jedoch sehr viel geringer, so dass Licht sich ungehindert ausbreiten kann. Das Universum wird durchsichtig. Übrigens: Im Verlauf der weiteren Expansion nimmt die Wellenlänge des von der Materie abgekoppelten Lichtes zu. Dieses Licht ist heute noch in Form von Radiowellen messbar, die einer Temperatur von 2,73 K entsprechen (3-Kelvin-Strahlung). Diese sogenannte Hintergrundstrahlung zeigt sich als Rauschen am Fernsehschirm. Wird der Fernseher auf einen nicht belegten Kanal eingestellt, dann ist das "Schneegestöber", das man dort sieht, zu ungefähr einem Prozent das Echo des Urknalls. Es beginnt das dunkle Zeitalter. Kein Stern erhellt das Universum. Gigantische Wolken aus Wasserstoff und Helium wirbeln durch das Weltall. Sichtbare Strukturen gibt es im jungen Universum nicht, und mit der Expansion wird es dunkler und kühler. Unter dem langsam stärker werdenden Einfluss der Schwerkraft beginnen sich diese Gaswolken lokal zu verdichten. 100 bis 250 Millionen Jahre nach dem Urknall entstehen so die ersten Sterne, die sich von unseren heutigen durch ihre enorme Masse, Leuchtkraft, Oberflächentemperatur und Lebensdauer erheblich unterscheiden. So beträgt ihre Masse das Hundert- bis Tausendfache, ihre Leuchtkraft das Millionenfache und ihre Oberflächentemperatur das Zwanzigfache unserer Sonne. Die Lebensdauer der ersten Sterne ist jedoch mit nur drei Millionen Jahren erheblich kürzer als die unserer Sonne mit 10 Milliarden Jahren. Diese erste Generation von Sternen enthält außer Wasserstoff, Helium und ein wenig Lithium noch keine chemischen Elemente. Erst im Laufe ihres Lebens produzieren die ersten Sterne die schweren Elemente in Ihrem Inneren. Schließlich werden durch ihr Sterben in Supernova-Explosionen die schweren Elemente (wie z.B. Sauerstoff, Magnesium, Silizium, Calcium, Eisen, Cobalt, Nickel, Titan und Uran) in den Weltraum geschleudert. 1 Milliarde Jahre nach dem Urknall entstehen die ersten Galaxien. Ihre Gas- und Staubwolken enthalten jetzt genügend schwere Elemente, dass auch Sonnensysteme mit Planeten entstehen können. 9,2 Milliarden Jahre nach dem Urknall kollabiert am Rande unserer Galaxis eine Wolke aus Gas und Staub, die auch Material aus Supernovaexplosionen enthält, und bildet unser Sonnensystem mit seinen Planeten.

Und so entstand vor knapp 4,6 Milliarden Jahren (immer noch eine Zeitspanne, die sich der Vorstellungskraft der meisten Menschen entzieht) unser Planet, zunächst als Gesteinsbrocken mit heißem Kern aus geschmolzenem Gestein mit hohem Metallanteil. Es gab keine Atmosphäre und die meisten organischen Substanzen hatten keine Chance auf lange Existenz. Vom Wetter kann man einen ungefähren Eindruck bekommen, wenn man sich den schlimmsten Gewittersturm vorstellt, nur dass der Regen nicht so erfrischend ist, sondern lebensfeindlich, und "Luft" gab es auch keine. Aber es gab eine Vielzahl von chemischen Verbindungen, die in dieser "Ursuppe" vor sich hin reagierten, und zwar NICHT, wie viele behaupten, aus Zufall, sondern sehr gezielt nach ihren chemischen Eigenschaften. In einem sehr eindrucksvollen Experiment (das nach seinen Durchführern benannte Miller-Urey-Experiment) konnte gezeigt werden, was passiert, wenn die damals dominierenden chemischen Verbindungen Wasser, Ammoniak und Methan (also die Wasserstoffverbindungen von Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff) den damals herrschenden reduzierenden Bedingungen unter permanenter Blitzeinwirkung ausgesetzt werden. Es entstehen ohne weitere Einwirkungen Aminosäuren und aufgrund der chemischen Natur von Aminosäuren die langkettigen Proteine. "Fundamentalistisch" könnte man behaupten, dass damals das Leben entstanden ist, denn die Proteine sind die ersten Substanzen, die die Grundvoraussetzung für Leben mit sich bringen: Die Möglichkeit, Informationen zu speichern und an neue Generationen von Molekülen weiterzugeben, einfach durch ihre chemische Struktur und Wirkungsweise. Kein Zauber, keine Tricks, keine göttliche Hand, einfach die logische Konsequenz aus den Eigenschaften der Atome, ihrer Verknüpfungsmöglichkeiten, eingebettet und gesteuert durch die chemische Umgebung. Wenig später folgte bereits die zweite große Gruppe der Biopolymere: Nukleotidbasen, Zucker und Phosphate formten langkettige Polymere (RNA, später DNA), die wunderbar mit Hilfe der Proteine kopiert werden konnten (mehr dazu später). Basis hierfür ist wieder ein chemischer Aspekt: Moleküle passen nur zu ganz bestimmten anderen Molekülen, der Unterschied drückt sich in Energie aus. Die Natur setzt niemals mehr Energie um als nötig, so dass sich immer nur die Moleküle (oder Molekülteile) zusammenlagern, die dies mit dem geringsten Energieaufwand tun. So entstehen bei der Kopie eines Moleküls immer dieselben Produkte, so dass "Information" ohne großen Datenverlust weitergegeben werden kann. Auch Fettsäuren entstanden bereits in dieser Zeit. Ihre amphiphilen Eigenschaften ermöglichen das Bilden von Membranen, so konnten "Räume" entstehen und Moleküle von ihrer Umgebung oder von anderen Molekülen "getrennt" werden. Die Geburtsstunde der Zelle! Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern lediglich darauf hinweisen, dass die Entstehung des Lebens kein Zufall war, sondern die unausweichliche Konsequenz aus der chemischen Natur der vorhandenen Materie und der sehr günstigen Position der Erde zur Sonne (und damit der entsprechenden Bedingungen). Anders ausgedrückt: es würde jedes mal wieder so passieren, und wenn irgendwo im Universum eine ähnliche Konstellation vorliegt, wird es sich dort genauso entwickeln, vielleicht später, vielleicht im Detail etwas anders, aber chemisch genau so! Bis zu diesem Zeitpunkt, als die ersten primitiven Zellen entstanden sind, ist das Universum ca. 10 Milliarden Jahre alt, die Erde hat von ihren 4,6 Milliarden Jahren bereits eine Milliarde hinter sich. Man mache sich einmal klar, was das für unvorstellbar große Zeiträume sind!

Umso erstaunlicher, wie schnell die Entwicklung dann weiter ging! Aus Zellen wurden Zellverbunde, Vielzeller, erste primitive Organismen. Bereits in diesem Stadium wurde die Grundlage gelegt für die Unterscheidung in tierische und pflanzliche Lebensformen. Ab diesem Zeitpunkt weiß die Wissenschaft heute ziemlich genau, was abgelaufen ist. Von vielen Menschen aus reiner Unwissenheit oder Unaufgeklärtheit, manchmal aus purer Ignoranz oder religiösem Fanatismus abgelehnt, ist es doch ein unausweichlicher Fakt, dass sich ein Vorgang abspielte, der als Evolution bezeichnet wird. Der oft benutzte Ausdruck "Evolutionstheorie" ist irreführend, denn es ist nicht bloß eine Theorie, es ist eine Tatsache, die so gesichert ist wie kaum eine andere Erkenntnis in der Biologie! Um die Mechanismen der Evolution zu verstehen muss man sich zunächst mit einer biochemischen Grundlage vertraut machen: Der DNA, ihrer Eigenschaften und ihrer Replikation und Decodierung mithilfe von Enzymen. Die DNA besteht aus einem Doppelstrang zweier langkettiger Polymere aus Zucker (Desoxyribose) und Phosphateinheiten, an die in einer definierten Reihenfolge vier verschiedene Nukleinbasen angebunden sind. Eine Nukleinbase des einen Strangs und eine des zweiten Strangs bilden ein Paar, indem sie Wasserstoffbrücken ausbilden. Zur Veranschaulichung kürzen wir  (entsprechend ihrer chemischen Namen) die Nukleinbasen mit A,C,G und T ab. A und T bilden aufgrund ihrer guten Wechselwirkungen ein Paar, C und G das andere Paar. Hat also ein Strang beispielsweise eine Sequenz „AGGTCA“, so muss der zweite Strang die Sequenz „TCCAGT“ haben, damit es einen Doppelstrang ergibt. Wenn davon die Rede ist, DNA enthalte Informationen, muss man sich das so vorstellen: Enzyme "lesen" die DNA in einem zweiteiligen Prozess bestehend aus Transkription (Umschreibung) der DNA in RNA und Translation (Übersetzung) dieser RNA in Proteine. In beiden Teilprozessen wandert ein Enzym (bei der Translation ein Ribosom) den Strang entlang und erkennt die chemische Umgebung,  also welche Nukleinbase gerade am Strang vorliegt. An einer anderen Stelle im Enzym entsteht eine Kette aus RNA (Transkription), bzw. Aminosäuren (Translation) nach der Maßgabe durch die Nukleinbasensequenz der DNA. Bei der Translation der RNA kodieren jeweils drei Nukleinbasen der RNA eine Aminosäure. Erkennt das Enzym also den Code, wird die entsprechende Aminosäure an die Kette angehängt. Das Resultat ist ein Protein (eine lange Kette aus Aminosäuren), das als Enzym eine ganz bestimmte Aufgabe im Organismus erledigt, die unter Umständen die Erscheinungsform oder die äußeren Eigenschaften des Gesamtorganismus stark beeinflussen kann. Nochmal: Die Nukleinbasensequenz der DNA wird letztendlich umgeschrieben in eine Aminosäuresequenz (ein Protein) und greift so maßgeblich in die Chemie eines Organismus ein!

Das zweite wichtige Prinzip der DNA ist die Weitergabe der Information an eine Generation von Nachkommen. Dazu muss die DNA sozusagen verdoppelt werden. Dabei wird zunächst der Doppelstrang in die beiden Einzelstränge getrennt und dann jeder Einzelstrang wieder durch Anlagerung der komplementären Nukleotide (Nukleinbasen plus Zucker und Phosphat) zum Doppelstrang aufgebaut, alles natürlich mithilfe von Enzymen. Obwohl dieser Prozess mit sehr hoher Präzision abläuft, kommt es immer wieder mal zu Fehlern, die in Anbetracht der Länge der DNA und der damit verbundenen ungeheuren Menge an „Leseschritten“ unvermeidbar sind. So kann es vorkommen, dass das Enzym eine Nukleinbase falsch erkennt und eine falsche Nukleinbase neu einbaut. Ein Nachkomme erhält also vom Mutterorganismus eine unter Umständen fehlerhafte, aber zumindest unterschiedliche DNA. Dementsprechend wird bei der Dekodierung der DNA ein anderes Triplet gelesen und daher eine andere Aminosäure in das Protein eingebaut. Das kann gravierenden Einfluss auf die räumliche Struktur und damit auf die Wirkungsweise des Proteins haben! Unter Umständen kann die vorgesehene Aufgabe nicht mehr erfüllt werden, oder ein ganz anderer biochemischer Effekt tritt auf. Die Effekte, die auf solche Mutationen folgen, können sowohl positiv als auch negativ sein. Hierzu ein paar Beispiele:

Das letzte Beispiel mag für einige Missverständnisse sorgen, die es aufzuklären gilt! Im Rahmen der Evolution tauchen oft Begriffe wie „natürliche Selektion“, „Überleben des Stärkeren“ und „Kampf“ auf, die dafür sorgen, dass bei einigen Menschen alle moralischen Alarmglocken schrillen! Vergessen werden leider oft die ebenso wichtigen harmloseren Begriffe „Gleichgewicht“ und „Nische“. Unter Gleichgewicht ist in diesem Sinne zu verstehen, dass das gesamte ökologische System der Erde mit allen (wirklich ALLEN) Organismen in einem komplex verflochtenen Wechselwirkungssystem perfekt ausbalanciert ist. Das Ausmaß einer Population einer Art wird immer bestimmt durch andere Populationen, durch die natürlichen Gegebenheiten (Klima, Geologie, Meeresströmungen, etc.) und Veränderungen derselben. Dabei hat jede Art ihren Platz im System genau deshalb, weil sie dort besonders gut zurecht kommt und weil der Platz noch unbesetzt ist, man nennt das „ökologische Nische“. So eine Nische wird nicht nur durch den Lebensraum (Wüste, Wald, Gebirge, Tundra, Ozean, etc.), sondern vor allem auch durch Temperaturbereiche, Anzahl an Fressfeinden und Menge an Beute begrenzt. Jedes Lebewesen wird von irgendwem gefressen und frisst irgendwen. (Die Pflanzen haben insofern eine Sonderstellung, dass sie nicht direkt „fressen“, sondern Biomasse durch die Umwandlung von Kohlenstoffdioxid mithilfe von Licht aufbauen. Sie speisen den Kreislauf mit Energie, die sie indirekt aus der Sonne beziehen.) Der vielzitierte Überlebenskampf bezieht sich jedoch nicht auf individuelle Lebewesen, schon gar nicht sind hier moralische menschliche Maßstäbe anzuwenden, die ein Bild vom armen unterlegenen Schwachen gegen den bösen skrupellosen Stärkeren, der den Schwachen gnadenlos niedermacht, zeichnen. Weder für das Verhältnis zwischen Räuber und Beute noch für das zwischen den Konkurrenten innerhalb einer Art wäre dies angebracht! Ersteres ist ein natürlicher Vorgang, der für das Aufrechterhalten des Gleichgewichts essentiell ist. Letzteres ist im eigentlichen Sinn kein Kampf, sondern einfach ein Wettbewerb um bessere Überlebenschancen, bei der sich die Frage nach der Fairness nicht stellt, da hier niemand bewusst gegen jemanden antritt. Die beiden Hasen aus dem Beispiel empfinden den Druck nicht, im „Hasenverständnis“ sind sie vermutlich so etwas wie Freunde, der Überlebende wird um den Gefangenen vielleicht sogar etwas wie Trauer empfinden. Nichtsdestotrotz wird der Überlegene Nachkommen produzieren, der Unterlegene nicht. Langfristig macht das die Hasenpopulation stärker, weil mehr Nachkommen mit den geerbten Eigenschaften der Stärkeren geboren werden. Dies nennt sich „natürliche Selektion“ und ist der Grund, warum die Erde so viele perfekt angepasste Lebewesen hervorgebracht hat. Die nicht perfekten hatten weniger Chancen, konnten weniger oder keine Nachkommen produzieren und sind verschwunden. Auch perfekt Angepasste sterben gelegentlich auf natürliche Weise aus, in der Regel dann, wenn sich ihre Nische verändert. Gravierende Temperaturverschiebungen, das Zurückgehen oder Aussterben des Organismus, der in der Nahrungskette vor der Art steht, selten auch globale Katastrophen wie schwere Erdbeben oder Meteoriteneinschläge. Standardbeispiel ist der Säbelzahntiger, der so spezialisiert auf eine bestimmte Beute war, dass sich sein Körper im Laufe der Generation in Form von überdimensionalen Reißzähnen daran anpasste. Ein nicht näher bekanntes Ereignis (vielleicht sogar durch den Säbelzahntiger selbst) sorgte dafür, dass genau diese Art, die die Lebensgrundlage des Tigers wurde, stark dezimiert wurde, so dass der Säbelzahntiger nicht mehr überleben konnte. Die Verhältnisse in der Nahrungskette verschoben sich geringfügig, aber zu viel für den Säbelzahntiger, der durch seine Spezialisierung zu unflexibel wurde. Ähnlich erging es in der Erdgeschichte allen Lebewesen, die sich zu stark an bestimmte Verhältnisse angepasst hatten und dann nicht auf Schwankungen reagieren konnten. Die erfolgreichsten Organismen sind solche, die große Toleranzbereiche in ihren Nischen haben. Beispielsweise sind Ratten in einem sehr großen Temperaturbereich überlebensfähig und daher nicht vom Aussterben bedroht, während einige Algenarten im Meer bereits bei Temperaturänderungen von 0,5°C zugrunde gehen. Der weltweit bekannteste Vertreter unter den Lebewesen, die augrund ihrer Flexibilität nichts zu befürchten haben, ist der Mensch. Bevor ich zur Entwicklung der Spezies Mensch überleite, möchte ich darauf hinweisen, dass das Thema Evolution viel zu umfangreich ist, um hier so kurz abgehandelt werden zu können. Ein Buch, das einigermaßen hinreichend die Evolution beschreibt, muss selbst schon 500 Seiten oder mehr beinhalten. Die Ausführungen hier sind lediglich als Zusammenfassung zu verstehen, die als Ziel hat, zu zeigen, dass die Entwicklung von Flora und Fauna keinen göttlichen Eingriff benötigt, sondern wieder das Ergebnis natürlicher Mechanismen ist. Die Vielfalt und augenscheinliche Perfektion erfordern keinen lenkenden Denker und kreativen Meister, wie eine sehr menschliche Ansicht vermuten lässt. Die atomaren Eigenschaften der Materie haben Moleküle erzeugt, die durch ihre Wechselwirkungen dynamische Prozesse ermöglichen, die wir heute als „Leben“ bezeichnen, allen voran die „Flaggschiffe“ DNA (bzw. RNA) und Proteine. Die natürlichen Begebenheiten auf der Erde, das Vorhandensein von flüssigem Wasser, sowie der Einfluss der Sonne erlaubten die Entwicklung verschiedenster Lebensformen, die ein dichtes Netzwerk aus sich beeinflussenden Organismen bilden. Das Argument, diese Perfektion müsse der Kreativität eines Überwesens entspringen, weise ich als unfundiert und zu sehr auf menschliche Denkweisen beschränkt zurück.

Zusammenfassend soll der folgende Zeitplan, bei dem die Zeit vom Urknall bis heute auf ein Kalenderjahr übertragen ist, der Veranschaulichung dienen:

1. Januar 0.00 Uhr: Der Urknall.

1. Januar 0.15 Uhr: Das Universum hat sich nach 15 Minuten auf 3000 Grad abgekühlt. Bei diesem Wert können die Atomkerne und Elektronen sich zu Atomen verbinden. Wasserstoff und Helium entstehen. Das Universum wird durchsichtig.

5. Januar: 3 bis 7 Tage nach dem Urknall entstehen die ersten Sterne. Sie leuchten nur 2 Stunden lang, bevor sie als Supernova explodieren. Die nachfolgenden Sterngenerationen produzieren immer mehr schwere Elemente.

27. Januar: Die ersten Galaxien und Sonnensysteme mit Planeten entstehen.

2. September: Durch den Zusammensturz einer Gas- und Staubwolke am Rande unserer Galaxis, der Milchstraße, wird unser Sonnensystem geboren. Etwa 13 Tage benötigt unsere Erde um ihr Volumen durch Verklumpung und Kollision abzuschließen.

15. September: Der Planet Erde ist glühend heiß. Die schweren Elemente (wie z.B. Eisen und Nickel) sinken ins Innere und bilden den Erdkern. Durch heftige Vulkanausbrüche gelangen Gase, Wasserdampf und Staub aus dem Erdmantel an die Oberfläche. Die erste Atmosphäre aus Wasserdampf, Chlorwasserstoff, Kohlenstoffmonoxid, Kohlenstoffdioxid und Stickstoff umhüllt die Erde.
Zu dieser Zeit rast ein riesiger Asteroid von der Größe des Mars auf die Erde zu, er taucht in die Atmosphäre ein und explodiert beim Aufprall auf die Erdoberfläche. Lavafontänen aus dem Einschlagskrater schießen ins All. Der Gesteinsstaub aus dieser Fontäne bildet einen Ring um unseren Planeten. Dieser verdichtetet sich zu immer größer werdenden Gesteinsbrocken, aus denen sich schließlich unser Erdtrabant, der Mond, entwickelt. Durch den Aufprall kippt die Rotationsachse um 23 Grad und beschert der Erde die Jahreszeiten.
Die Erde beginnt sich abzukühlen und bildet eine feste Kruste. Wasserdampf kann kondensieren. Die Uratmosphäre (noch ohne Sauerstoff) breitet sich aus. Es regnet, die ersten Urmeere sammeln sich.

24. September: Mit dem Auftauchen der ersten Zellen beginnt die biologische Evolution.

29. September: In den Urmeeren entsteht Leben. Die ersten Cyanobakterien leben frei im Wasser und produzieren Sauerstoff. Die Atmosphäre reichert sich allmählich mit Sauerstoff an.

18. Dezember: Die ersten Fische schwimmen in den Ozeanen.

19. Dezember: Die ersten Landpflanzen erobern das Festland.

20. Dezember: Früheste Lurche tauchen auf, die Besiedlung des Landes beginnt.

22. Dezember: Erste Reptilien.

25. Dezember: Erste Säugetiere.

28. Dezember: Flugechsen, Dinosaurier, Fischsaurier.

30. Dezember: Entfaltung der Blütenpflanzen, Säugetiere und Vögel.
 
31. Dezember 22.43 Uhr: 77 Minuten vor dem Ende des alten Jahres tauchen die ersten primitiven menschenähnlichen Wesen auf.

31. Dezember 23.45 Uhr: 15 Minuten vor Mitternacht wandert unser moderner Vorfahre, der Homo Sapiens, über die Erde.
 
In den nächsten Kapiteln soll es um genau diese letzten 15 Minuten gehen...