Die Entwicklung der Welt - Teil 1: Bis kurz vor Mitternacht
Bevor ich meine Ansichten über die Entwicklung der Welt erkläre, möchte ich darauf hinweisen, dass ich stark durch die Naturwissenschaften geprägt bin. Durch Studium und auch Eigeninteresse hatte ich einerseits die Möglichkeit, zumindest ein wenig Einsicht in den materiellen Aufbau der Welt zu bekommen, und andererseits, philosophische, psychologische und alle weiteren nicht-materiellen Aspekte kennenzulernen. In vielen Fällen mögen meine Thesen wie Behauptungen oder Meinungen klingen, so dass Reaktionen wie „Das kann ja jeder sagen!“ oder „Woher willst Du das denn wissen? Das glaube ich nicht!“ unvermeidbar sind. In diesem Text verzichte ich zwar auf Quellenangaben, ich verweise allerdings auf Lehrbücher und wissenschaftliche Publikationen jeglicher Art! Ich sehe mich in der Lage, bei Bedarf Beweise in Form von Forschungserkenntnissen für meine Thesen zu präsentieren.
"Am Anfang schuf Gott alle Materie". So beginnt ein seriöses, nicht allzu altes Lehrbuch zum Thema Evolution. Der Grund liegt auf der Hand: Gott wird immer dann herangezogen, wenn das Wissen an seine Grenzen gelangt, wenn Phänomene erklärt werden wollen, die wir nicht verstehen können. Mit den heutigen naturwissenschaftlichen Methoden kommen wir einfach nicht weiter zurück als zum Anbeginn unseres Universums, und selbst bis dahin ist die Rückschau von so vielen Lücken und Ungereimtheiten bestückt, dass wir niemals sicher sein können, was wirklich war. Dennoch erlauben uns die Naturwissenschaften heute einen mehr oder weniger detaillierten Überblick über die Entwicklung zum modernen Menschen in der Welt, wie sie heute ist. Ich würde mich allerdings lieber der agnostischen Weltsicht anschließen und es lieber so formulieren: Ich weiß nicht, was vor dem Urknall war (und soweit ich weiß, kann das auch niemand anderes wissen), darum mutmaße ich auch nicht länger, sondern fange bei meinen Betrachtung an dem Punkt an, der als gesichert gilt und den ich ohne Zögern akzeptieren kann.
Die Physik liefert uns klare Hinweise darauf, dass alle Materie, aus der sich in den letzten 13,7 Milliarden Jahren unser Universum geformt hat, aus einem Punkt entstanden ist, der sich zunächst explosionsartig (als Urknall bekannt) und dann immer langsamer ausbreitete.

Das Universum beginnt mit dem Urknall. Zum
Zeitpunkt NULL versagen aber die bekannten physikalischen Gesetze. Die
beschreibbare Geschichte des Universums beginnt erst 10-43 Sekunden
nach dem Zeitpunkt NULL. Die durch den Urknall verursachte Expansion lässt die
Temperatur des Universums nach und nach sinken. 10-43 Sekunden
(Planck-Zeit) nach dem Urknall konzentriert sich unser heute sichtbares
Universum zunächst in einem extrem kleinen Raumgebiet von Planck-Länge (10-35
m), angefüllt mit unvorstellbar heißer und dichter Strahlung. Die Temperatur
beträgt etwa 1032 Grad. 10-36 Sekunden nach dem Urknall
ist die Temperatur auf 1027 Grad gefallen, immer noch eine Welt mit
ungeheuren Temperaturen und extremem Druck. Materie und Licht sind noch nicht
getrennt: Quarks, Antiquarks und Photonen wandeln sich ineinander um. 1
Sekunde nach dem Urknall ist die Temperatur weiter auf 1010 Grad
(10 Milliarden Grad) gefallen, und die Materie ist nach einer Reihe von
Umwandlungsprozessen zu jenen Bausteinen kondensiert, aus denen sich unser
Kosmos auch heute noch zusammensetzt: Elektronen, Protonen, Neutronen. Bei
Temperaturen unter 109 Grad (1 Milliarde Grad), was nach ca. 10
Sekunden erreicht wird, wird das Universum zu einem gigantischen Kernreaktor.
Protonen und Neutronen vereinigen sich durch Kernfusion zu ersten schweren
Atomkernen. Nach 1 Minute hat das Universum bereits einen Durchmesser von
über 1015 km. In dieser Entwicklungsphase ist das gesamte Universum
wie eine einzige riesige Sonne, die in ihrem Inneren durch Kernfusion immer mehr
Atomkerne schwerer Elemente erbrütet. Durch die ständige Expansion hat aber
bereits nach 5 Minuten die Dichte der Materie soweit abgenommen, dass dieser
Prozess wieder zum Erliegen kommt. Es haben sich 25% Helium-, 0,001% Deuterium-
sowie Spuren von Lithium- und Berylliumatomkernen gebildet. Die restlichen 75%
bleiben Protonen, Wasserstoffatomkerne. Das Universum kühlt sich weiter ab.
Nach 400000 Jahren beträgt die Temperatur 3000 Grad. Bei diesem Wert können
die Atomkerne und Elektronen sich zu Atomen verbinden. Die Elemente Wasserstoff
und Helium entstehen. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Licht in ständiger
Wechselwirkung mit den geladenen Atomkernen und Elektronen. Das Universum war
daher undurchsichtig. Die Wechselwirkung von Licht mit neutralen Atomen ist nun
jedoch sehr viel geringer, so dass Licht sich ungehindert ausbreiten kann. Das
Universum wird durchsichtig. Übrigens: Im Verlauf der weiteren Expansion nimmt
die Wellenlänge des von der Materie abgekoppelten Lichtes zu. Dieses Licht ist
heute noch in Form von Radiowellen messbar, die einer Temperatur von 2,73 K
entsprechen (3-Kelvin-Strahlung). Diese sogenannte Hintergrundstrahlung zeigt
sich als Rauschen am Fernsehschirm. Wird der Fernseher auf einen nicht belegten
Kanal eingestellt, dann ist das "Schneegestöber", das man dort sieht, zu
ungefähr einem Prozent das Echo des Urknalls. Es beginnt das dunkle Zeitalter.
Kein Stern erhellt das Universum. Gigantische Wolken aus Wasserstoff und Helium
wirbeln durch das Weltall. Sichtbare Strukturen gibt es im jungen Universum
nicht, und mit der Expansion wird es dunkler und kühler. Unter dem langsam
stärker werdenden Einfluss der Schwerkraft beginnen sich diese Gaswolken lokal
zu verdichten. 100 bis 250 Millionen Jahre nach dem Urknall entstehen so
die ersten Sterne, die sich von unseren heutigen durch ihre enorme Masse,
Leuchtkraft, Oberflächentemperatur und Lebensdauer erheblich unterscheiden. So
beträgt ihre Masse das Hundert- bis Tausendfache, ihre Leuchtkraft das
Millionenfache und ihre Oberflächentemperatur das Zwanzigfache unserer Sonne.
Die Lebensdauer der ersten Sterne ist jedoch mit nur drei Millionen Jahren
erheblich kürzer als die unserer Sonne mit 10 Milliarden Jahren. Diese erste
Generation von Sternen enthält außer Wasserstoff, Helium und ein wenig Lithium
noch keine chemischen Elemente. Erst im Laufe ihres Lebens produzieren die
ersten Sterne die schweren Elemente in Ihrem Inneren. Schließlich werden durch
ihr Sterben in Supernova-Explosionen die schweren Elemente (wie
Und so entstand vor knapp 4,6 Milliarden Jahren
(immer noch eine Zeitspanne, die sich der Vorstellungskraft der meisten Menschen
entzieht) unser Planet, zunächst als Gesteinsbrocken mit heißem Kern aus
geschmolzenem Gestein mit hohem Metallanteil. Es gab keine Atmosphäre und die
meisten organischen Substanzen hatten keine Chance auf lange Existenz. Vom
Wetter kann man einen ungefähren
Eindruck
bekommen, wenn man sich den schlimmsten Gewittersturm vorstellt, nur dass der
Regen nicht so erfrischend ist, sondern lebensfeindlich, und "Luft" gab es auch
keine. Aber es gab eine Vielzahl von chemischen Verbindungen, die in dieser
"Ursuppe" vor sich hin reagierten, und zwar NICHT, wie viele behaupten, aus
Zufall, sondern sehr gezielt nach ihren chemischen Eigenschaften. In einem sehr
eindrucksvollen Experiment (das nach seinen Durchführern benannte
Miller-Urey-Experiment) konnte gezeigt werden, was passiert, wenn die damals
dominierenden chemischen Verbindungen Wasser, Ammoniak und Methan (also die
Wasserstoffverbindungen von Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff) den damals
herrschenden reduzierenden Bedingungen unter permanenter Blitzeinwirkung
ausgesetzt werden. Es entstehen ohne weitere Einwirkungen Aminosäuren und
aufgrund der chemischen Natur von Aminosäuren die langkettigen Proteine.
"Fundamentalistisch" könnte man behaupten, dass damals das Leben entstanden ist,
denn die Proteine sind die ersten Substanzen, die die Grundvoraussetzung für
Leben mit sich bringen: Die Möglichkeit, Informationen zu speichern und an neue
Generationen von Molekülen weiterzugeben, einfach durch ihre chemische Struktur
und Wirkungsweise. Kein Zauber, keine Tricks, keine göttliche Hand, einfach die
logische Konsequenz aus den Eigenschaften der Atome, ihrer
Verknüpfungsmöglichkeiten, eingebettet und gesteuert durch die chemische
Umgebung. Wenig später folgte bereits die zweite große Gruppe der Biopolymere:
Nukleotidbasen, Zucker und Phosphate formten langkettige Polymere (RNA, später
DNA), die wunderbar mit Hilfe der Proteine kopiert werden konnten (mehr dazu
später). Basis hierfür ist wieder ein chemischer Aspekt: Moleküle passen nur zu
ganz bestimmten anderen Molekülen, der Unterschied drückt sich in Energie aus.
Die Natur setzt niemals mehr Energie um als nötig, so dass sich immer nur die
Moleküle (oder Molekülteile) zusammenlagern, die dies mit dem geringsten
Energieaufwand tun. So entstehen bei der Kopie eines Moleküls immer dieselben
Produkte, so dass "Information" ohne großen Datenverlust weitergegeben werden
kann. Auch Fettsäuren entstanden bereits in dieser Zeit. Ihre amphiphilen
Eigenschaften ermöglichen das Bilden von Membranen, so konnten "Räume" entstehen
und Moleküle von ihrer Umgebung oder von anderen Molekülen "getrennt" werden.
Die Geburtsstunde der Zelle! Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern
lediglich darauf hinweisen, dass die Entstehung des Lebens kein Zufall war,
sondern die unausweichliche Konsequenz aus der chemischen Natur der vorhandenen
Materie und der sehr günstigen Position der Erde zur Sonne (und damit der
entsprechenden Bedingungen). Anders ausgedrückt: es würde jedes mal wieder so
passieren, und wenn irgendwo im Universum eine ähnliche Konstellation vorliegt,
wird es sich dort genauso entwickeln, vielleicht später, vielleicht im Detail
etwas anders, aber chemisch genau so! Bis zu diesem Zeitpunkt, als die ersten
primitiven Zellen entstanden sind, ist das Universum ca. 10 Milliarden Jahre
alt, die Erde hat von ihren 4,6 Milliarden Jahren bereits eine Milliarde hinter
sich. Man mache sich einmal klar, was das für unvorstellbar große Zeiträume
sind!
Umso erstaunlicher, wie schnell die Entwicklung
dann weiter ging! Aus Zellen wurden Zellverbunde, Vielzeller, erste primitive
Organismen. Bereits in diesem Stadium wurde die Grundlage gelegt für die
Unterscheidung in tierische und pflanzliche Lebensformen. Ab diesem Zeitpunkt
weiß die Wissenschaft heute ziemlich genau, was abgelaufen ist. Von vielen
Menschen aus reiner Unwissenheit oder Unaufgeklärtheit, manchmal aus purer
Ignoranz oder religiösem Fanatismus abgelehnt, ist es doch ein unausweichlicher
Fakt, dass sich ein Vorgang abspielte, der als Evolution bezeichnet wird. Der
oft benutzte Ausdruck "Evolutionstheorie" ist irreführend, denn es ist nicht
bloß eine Theorie, es ist eine Tatsache, die so gesichert ist wie kaum eine
andere Erkenntnis in der Biologie! Um die Mechanismen der Evolution zu verstehen
muss man sich zunächst mit einer biochemischen Grundlage vertraut machen: Der
DNA, ihrer Eigenschaften und ihrer Replikation und Decodierung mithilfe von
Enzymen. Die DNA besteht aus einem Doppelstrang zweier langkettiger Polymere aus
Zucker (Desoxyribose) und Phosphateinheiten, an die in einer definierten
Reihenfolge vier verschiedene Nukleinbasen angebunden sind. Eine Nukleinbase des
einen Strangs und eine des zweiten Strangs bilden ein Paar, indem sie
Wasserstoffbrücken ausbilden. Zur Veranschaulichung kürzen wir (entsprechend
ihrer chemischen Namen) die Nukleinbasen mit A,C,G und T ab. A und T bilden
aufgrund ihrer guten Wechselwirkungen ein Paar, C und G das andere Paar. Hat
also ein Strang beispielsweise eine Sequenz „AGGTCA“, so muss der zweite Strang
die Sequenz „TCCAGT“ haben, damit es einen Doppelstrang ergibt. Wenn davon die
Rede ist, DNA enthalte Informationen, muss man sich das so vorstellen: Enzyme
"lesen" die DNA in einem zweiteiligen Prozess bestehend aus Transkription
(Umschreibung) der DNA in RNA und Translation (Übersetzung) dieser RNA in
Proteine. In beiden Teilprozessen wandert ein Enzym (bei der Translation ein
Ribosom) den Strang entlang und erkennt die chemische Umgebung, also welche
Nukleinbase gerade am Strang vorliegt. An einer anderen Stelle im Enzym
entsteht
eine Kette aus RNA (Transkription), bzw. Aminosäuren (Translation) nach der
Maßgabe durch die Nukleinbasensequenz der DNA. Bei der Translation der RNA
kodieren jeweils drei Nukleinbasen der RNA eine Aminosäure. Erkennt das Enzym
also den Code, wird die entsprechende Aminosäure an die Kette angehängt. Das
Resultat ist ein Protein (eine lange Kette aus Aminosäuren), das als Enzym eine
ganz bestimmte Aufgabe im Organismus erledigt, die unter Umständen die
Erscheinungsform oder die äußeren Eigenschaften des Gesamtorganismus stark
beeinflussen kann. Nochmal: Die Nukleinbasensequenz der DNA wird letztendlich
umgeschrieben in eine Aminosäuresequenz (ein Protein) und greift so maßgeblich
in die Chemie eines Organismus ein!
Das zweite wichtige Prinzip der DNA ist die
Weitergabe der Information an eine Generation von Nachkommen. Dazu muss die DNA
sozusagen verdoppelt werden. Dabei wird zunächst der Doppelstrang in die beiden
Einzelstränge getrennt und dann jeder Einzelstrang wieder durch Anlagerung der
komplementären Nukleotide (Nukleinbasen plus Zucker und Phosphat) zum
Doppelstrang aufgebaut, alles natürlich mithilfe von Enzymen. Obwohl dieser
Prozess mit sehr hoher Präzision abläuft, kommt es immer wieder mal zu Fehlern,
die in Anbetracht der Länge der DNA und der damit verbundenen ungeheuren Menge
an „Leseschritten“ unvermeidbar sind. So kann es vorkommen, dass das Enzym eine
Nukleinbase falsch erkennt und eine falsche Nukleinbase neu einbaut. Ein
Nachkomme erhält also vom Mutterorganismus eine unter Umständen fehlerhafte,
aber zumindest unterschiedliche DNA. Dementsprechend wird bei der Dekodierung
der DNA ein anderes Triplet gelesen und daher eine andere Aminosäure in das
Protein eingebaut. Das kann gravierenden Einfluss auf die räumliche Struktur und
damit auf die Wirkungsweise des Proteins haben! Unter Umständen kann die
vorgesehene Aufgabe nicht mehr erfüllt werden, oder ein ganz anderer
biochemischer Effekt tritt auf. Die Effekte, die auf solche Mutationen folgen,
können sowohl positiv als auch negativ sein. Hierzu ein paar Beispiele:
In einer primitiven Zelle ist ein bestimmtes Protein für einen Schritt im Stoffwechsel zuständig. Bei der Duplikation der DNA für eine Zellteilung tritt ein Fehler in dem Bereich der DNA auf, der eben dieses Protein kodiert. In einer der beiden resultierenden Zellen kann das Protein nicht mehr hergestellt werden, stattdessen entsteht ein geringfügig anderes Protein, das aber für die ursprüngliche Aufgabe nicht geeignet ist. Der Stoffwechsel funktioniert nicht mehr einwandfrei und die junge Zelle stirbt nach kurzer Zeit und kann keine weiteren Nachkommen produzieren. Diese Mutation erwies sich als nachteilhaft und der Organismus hatte keine Chance, sich im Reich der Lebewesen zu etablieren, indem er seine DNA an nachfolgende Generationen weitergibt.
In einem Vielzeller gibt es bestimmte Membranproteine, die dort dafür sorgen, dass die Membran auf Temperaturänderungen reagieren kann und nicht in heißerer Umgebung zum Beispiel einfach auseinanderfällt. Wieder tritt bei der Weitergabe der DNA an einen Nachkommen ein Fehler auf, der dieses Protein betrifft. Diesmal ist das Protein noch funktionstüchtig und erweist sich sogar als verbessert, das heißt es verleiht der Membran sogar eine höhere Stabilität und erlaubt dem Vielzeller und – das wichtigste – allen seiner Nachkommen das Vordringen in einen neuen Lebensraum (zum Beispiel in wärmeres Wasser), wo sich nun diese „neue“ Art ausbreiten kann.
Ein etwas komplexeres Beispiel: Zwei junge Hasen spielen auf einer Wiese, ein Raubvogel entdeckt die beiden und stürzt sich herab, um einen der beiden zu fangen und zu töten. Der eine Hase hat ein schnelleres Reaktionsvermögen oder bessere Augen oder ist vom Körperbau her athletischer, jedenfalls kann er entwischen und der andere Hase wird gefressen. Jener „stärkere“ Hase hat weiterhin die Chance, seine DNA (seine Gene, sein Erbgut) an seine Kinder weiterzugeben, die dann (vielleicht) auch diese „besseren“ Eigenschaften haben, während der benachteiligte Hase sich nicht fortpflanzen kann, weil er aufgrund seiner „Unterlegenheit“ gegen den anderen Hasen „verloren“ hat.
Das letzte Beispiel mag für einige Missverständnisse sorgen, die es aufzuklären gilt! Im Rahmen der Evolution tauchen oft Begriffe wie „natürliche Selektion“, „Überleben des Stärkeren“ und „Kampf“ auf, die dafür sorgen, dass bei einigen Menschen alle moralischen Alarmglocken schrillen! Vergessen werden leider oft die ebenso wichtigen harmloseren Begriffe „Gleichgewicht“ und „Nische“. Unter Gleichgewicht ist in diesem Sinne zu verstehen, dass das gesamte ökologische System der Erde mit allen (wirklich ALLEN) Organismen in einem komplex verflochtenen Wechselwirkungssystem perfekt ausbalanciert ist. Das Ausmaß einer Population einer Art wird immer bestimmt durch andere Populationen, durch die natürlichen Gegebenheiten (Klima, Geologie, Meeresströmungen, etc.) und Veränderungen derselben. Dabei hat jede Art ihren Platz im System genau deshalb, weil sie dort besonders gut zurecht kommt und weil der Platz noch unbesetzt ist, man nennt das „ökologische Nische“. So eine Nische wird nicht nur durch den Lebensraum (Wüste, Wald, Gebirge, Tundra, Ozean, etc.), sondern vor allem auch durch Temperaturbereiche, Anzahl an Fressfeinden und Menge an Beute begrenzt. Jedes Lebewesen wird von irgendwem gefressen und frisst irgendwen. (Die Pflanzen haben insofern eine Sonderstellung, dass sie nicht direkt „fressen“, sondern Biomasse durch die Umwandlung von Kohlenstoffdioxid mithilfe von Licht aufbauen. Sie speisen den Kreislauf mit Energie, die sie indirekt aus der Sonne beziehen.) Der vielzitierte Überlebenskampf bezieht sich jedoch nicht auf individuelle Lebewesen, schon gar nicht sind hier moralische menschliche Maßstäbe anzuwenden, die ein Bild vom armen unterlegenen Schwachen gegen den bösen skrupellosen Stärkeren, der den Schwachen gnadenlos niedermacht, zeichnen. Weder für das Verhältnis zwischen Räuber und Beute noch für das zwischen den Konkurrenten innerhalb einer Art wäre dies angebracht! Ersteres ist ein natürlicher Vorgang, der für das Aufrechterhalten des Gleichgewichts essentiell ist. Letzteres ist im eigentlichen Sinn kein Kampf, sondern einfach ein Wettbewerb um bessere Überlebenschancen, bei der sich die Frage nach der Fairness nicht stellt, da hier niemand bewusst gegen jemanden antritt. Die beiden Hasen aus dem Beispiel empfinden den Druck nicht, im „Hasenverständnis“ sind sie vermutlich so etwas wie Freunde, der Überlebende wird um den Gefangenen vielleicht sogar etwas wie Trauer empfinden. Nichtsdestotrotz wird der Überlegene Nachkommen produzieren, der Unterlegene nicht. Langfristig macht das die Hasenpopulation stärker, weil mehr Nachkommen mit den geerbten Eigenschaften der Stärkeren geboren werden. Dies nennt sich „natürliche Selektion“ und ist der Grund, warum die Erde so viele perfekt angepasste Lebewesen hervorgebracht hat. Die nicht perfekten hatten weniger Chancen, konnten weniger oder keine Nachkommen produzieren und sind verschwunden. Auch perfekt Angepasste sterben gelegentlich auf natürliche Weise aus, in der Regel dann, wenn sich ihre Nische verändert. Gravierende Temperaturverschiebungen, das Zurückgehen oder Aussterben des Organismus, der in der Nahrungskette vor der Art steht, selten auch globale Katastrophen wie schwere Erdbeben oder Meteoriteneinschläge. Standardbeispiel ist der Säbelzahntiger, der so spezialisiert auf eine bestimmte Beute war, dass sich sein Körper im Laufe der Generation in Form von überdimensionalen Reißzähnen daran anpasste. Ein nicht näher bekanntes Ereignis (vielleicht sogar durch den Säbelzahntiger selbst) sorgte dafür, dass genau diese Art, die die Lebensgrundlage des Tigers wurde, stark dezimiert wurde, so dass der Säbelzahntiger nicht mehr überleben konnte. Die Verhältnisse in der Nahrungskette verschoben sich geringfügig, aber zu viel für den Säbelzahntiger, der durch seine Spezialisierung zu unflexibel wurde. Ähnlich erging es in der Erdgeschichte allen Lebewesen, die sich zu stark an bestimmte Verhältnisse angepasst hatten und dann nicht auf Schwankungen reagieren konnten. Die erfolgreichsten Organismen sind solche, die große Toleranzbereiche in ihren Nischen haben. Beispielsweise sind Ratten in einem sehr großen Temperaturbereich überlebensfähig und daher nicht vom Aussterben bedroht, während einige Algenarten im Meer bereits bei Temperaturänderungen von 0,5°C zugrunde gehen. Der weltweit bekannteste Vertreter unter den Lebewesen, die augrund ihrer Flexibilität nichts zu befürchten haben, ist der Mensch. Bevor ich zur Entwicklung der Spezies Mensch überleite, möchte ich darauf hinweisen, dass das Thema Evolution viel zu umfangreich ist, um hier so kurz abgehandelt werden zu können. Ein Buch, das einigermaßen hinreichend die Evolution beschreibt, muss selbst schon 500 Seiten oder mehr beinhalten. Die Ausführungen hier sind lediglich als Zusammenfassung zu verstehen, die als Ziel hat, zu zeigen, dass die Entwicklung von Flora und Fauna keinen göttlichen Eingriff benötigt, sondern wieder das Ergebnis natürlicher Mechanismen ist. Die Vielfalt und augenscheinliche Perfektion erfordern keinen lenkenden Denker und kreativen Meister, wie eine sehr menschliche Ansicht vermuten lässt. Die atomaren Eigenschaften der Materie haben Moleküle erzeugt, die durch ihre Wechselwirkungen dynamische Prozesse ermöglichen, die wir heute als „Leben“ bezeichnen, allen voran die „Flaggschiffe“ DNA (bzw. RNA) und Proteine. Die natürlichen Begebenheiten auf der Erde, das Vorhandensein von flüssigem Wasser, sowie der Einfluss der Sonne erlaubten die Entwicklung verschiedenster Lebensformen, die ein dichtes Netzwerk aus sich beeinflussenden Organismen bilden. Das Argument, diese Perfektion müsse der Kreativität eines Überwesens entspringen, weise ich als unfundiert und zu sehr auf menschliche Denkweisen beschränkt zurück.
Zusammenfassend soll der folgende Zeitplan, bei dem die Zeit vom Urknall bis heute auf ein Kalenderjahr übertragen ist, der Veranschaulichung dienen: